< Was viele interessiert, die in die Selbstständigkeit starten wollen ist, wie kommt man an Projekte? Ist das zufällig oder würdest du sagen, da spielt persönliche Connection eine Rolle? Social Media? Ist das eine Mischung aus allem? >
< Manuel Steiner > Wenn ich das wüsste. Also ich selber bin extrem schlecht in Sales, also das was die Kundenakquise angeht, weil ich mich nicht selber verkaufen möchte. Das fällt mir immer schwer und ich muss mich dazu zwingen. Ich glaube, da gehört auch einfach viel Glück dazu aber auch viel Beharrlichkeit und Beständigkeit. Dir werden immer Steine in den Weg gelegt werden. Manchen mehr, manchen weniger, aber dass man da nicht aufgibt und dran bleibt und einen langen Atem mitbringt. Ich glaube, das hilft. Und präsent zu sein, auf welche Art und Weise. Vor allem für junge Leute: Shared eure Sachen. Ich versuche auch immer meine Sachen zu teilen. Es gibt nichts, womit ich 100% happy bin. Gar nichts. Also wenn es danach gehen würde, könnte ich auch gar nichts in die Welt tragen. Das braucht immer Mut, die eigenen Sachen zu teilen, auch wenn man nicht 100% happy ist. Auch wenn was schiefgegangen ist. Das ändert sich nie. Es fehlt immer an irgendwas ob an Zeit, Geld, an Leuten oder an Verständnis. Aber es hilft auf jeden Fall, das trotzdem zu teilen. Auch wenn das nicht deinem Standard entspricht, für jemand anders ist es etwas ganz ganz tolles. Auf welche Art und Weise auch immer, ob über Instagram oder eine Ausstellung, die Welt teilhaben zu lassen, ich glaube, das ist schon auch ein wichtiger Teil des Prozesses.
< Was waren das dann für erste Aufträge? Wie bist du da dran gekommen? War das zufällig oder spielt da auch persönliche Connection eine Rolle oder Instagram? >
< Vivien Hoffmann > Also am Anfang waren es natürlich Leute, die man kennt, befreundete Personen. Das ist in Berlin ganz praktisch gewesen, dass ich mehrere Bekannte habe, die auch in kreativen Bereichen arbeiten. Die haben ihr eigenes Studio gegründet oder kleinere Dinge hochgezogen, für die ich dann Logotype oder kleine Brand Identities gemacht habe. Aber ich weiß noch ganz genau, da hatte ich wenig Ahnung von dem was ich mache und habe mir vieles aus den Fingern gesaugt und gelernt während ich daran gearbeitet habe. Das hat dann auch funktioniert aber das erste Jahr indem ich das gemacht habe hätte ich auf jeden fall nicht davon leben können. Da habe ich diesen Sidehustle im Café schon noch gebraucht. Dann ist natürlich auch echt ein wichtiger Punkt Social Media. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ohne diese Plattform mein Freelancer-Business nicht hochziehen hätte können. Man hat dadurch einfach die Möglichkeit sich selber und seine Arbeit zu zeigen. Kunden sehen einfach, was man macht. Früher musste man sich mit einem Studio hocharbeiten. Jetzt kann man das umgehen, indem man sich selber und seine Arbeiten präsentiert. Das habe ich dann eben gleichzeitig auch immer so ein bisschen mit gedacht. Ich muss alles, was ich mache, posten und gucken, dass es möglichst viele Leute sehen. Ich habe mir auch teilweise Projekte ausgedacht. Dann habe ich irgendwelche Brandings gemacht, die es gar nicht gab oder habe Magazinen gestaltet mit Künstlerinnen, die ich spannend finde. Einfach nur damit ich Arbeiten habe, die ich zeigen kann. Das es so aussieht, als ob ich schon am Start bin. Aber da war echt viel einfach ausgedacht.
< Wie seid ihr dann zu euren ersten Aufträge gekommen? >
< Yvonne Moser > Eigentlich primär über unser Netzwerk. Wir hatten eine relativ hohe Aufmerksamkeit zum Start. Die Leute fanden es spannend, dass wir direkt nach dem Studium zu sechst ein Designbüro gegründet haben. Bei sechs Leuten hat ja jede:r seinen Kreis an Leuten, natürlich auch mit Überschneidung, aber da kamen schon viele Leute zusammen, die uns und unsere Arbeit verfolgt haben. Dadurch, dass wir in diesem Co-Working Space – der von verschiedenen Institutionen gesponsert wurde – kamen da auch nochmal neue Connections zusammen.
< Wie habt ihr eure ersten Kund:innen gewonnen? >
< Matter Of > Wir hatten anfangs zwar alle ein paar Freelance-Kontakte, aber eigentlich keine wirklichen großen Projekte oder Kund:innen, die uns einen sicheren Start gebracht hätten. Wir waren also auf viel „Kaltakquise“ angewiesen. Diese erste Phase der Suche nach Aufträgen hat sich mindestens ein halbes Jahr gezogen. Leider ist Zufall eine große Komponente. Gute Organisation und Kontinuität hat uns geholfen.
< Wie hast du die ersten Kunden gewonnen und welche Rolle spielen Kontakte/Beziehungen dabei? >
< Andreas Uebele > kundenakquise ist eine schöne lektion in demut: brauchen sie nicht, äh, einen katalog? oder vielleicht eine visitenkarte? nein? ähm, vielleicht … aha. ok, gut. danke trotzdem. beziehungen zu irgendwem hatte ich nämlich keine. dafür aber auch sehr wenig hemmungen.
< Wie bist du in dieser Anfangszeit an deine Kund:innen gekommen? Waren das vor allem Kontakte aus dem Studio oder hast du dir parallel schon ein eigenes Netzwerk aufgebaut? >
< Matteo Campostrini > Ganz transparent: 50–50. 50 Prozent, weil ich bei Studio Mut gearbeitet habe. Damals war Studio Mut noch klein. Ich war eine der ersten Mitarbeiter. Das war auch die Zeit, in der Instagram sehr gut funktioniert hat. Ich habe immer das Studio getaggt, und genauso hat das Studio mich getaggt. Ich war eine Zeit lang auf Instagram sehr sichtbar. Viele haben meine Projekte gesehen. Heute funktioniert das nicht mehr. Der Algorithmus ist kaputt. Aber damals war Instagram eine perfekte Plattform. Ich habe jedes Projekt sauber dokumentiert, Bücher fotografiert, gute Fotos gemacht. Die Dokumentation war immer die beste Werbung für den nächsten Kunden. Jedes Projekt, auch wenn es schlecht bezahlt war, habe ich so gut wie möglich gemacht. Das war meine Visitenkarte. Also 70 Prozent Erfahrung von Studio Mut und 50 Prozent Eigenvermarktung. Dokumentieren, publizieren, sichtbar sein.
< Das heißt man braucht auch nicht unbedingt so eine große Finanzierung am Anfang für eine Gründung? Gibt es Finanzierungen oder muss man ein bisschen Kapital mitbringen? Oder ist das erstmal gar nicht so relevant? >
< Yvonne Moser > Bei uns war es nicht so. Wir haben geschaut, dass wir einige Sachen für unser Büro gesponsort kriegen und haben uns wenig neu gekauft. Einrichtung und Möbel waren eigentlich alle Second Hand. Wichtig war uns allen aber das fixe Einkommen durch Nebenjobs, damit wir nicht abhängig von den schwankenden Einnahmen aus der Selbstständigkeit sind.
< Insbesondere der Bereich Illustration wird immer mehr von KI bedroht, wie gehst du, als Person, die dort ihren Schwerpunkt hat, mit dieser Aussicht um? >
< Andrea Ihl > Ehrlich gesagt, bis jetzt noch nicht. Das liegt aber auch daran, dass ich erst am Anfang stehe und eher in einer Bubble stecke, die sich als künstlerisch, links und kritisch versteht.
< Wie hat sich dein Arbeitsalltag durch digitale tools, generatives design & ki verändert? >
< Andreas Uebele > gutes design entsteht unabhägig von den werkzeugen. qualität, menschlichkeit und erzählung entsteht durch nachdenken – das kann man nicht an geräte delegieren.
< Wenn du heute nach vorne blickst: Machen dir Themen wie KI oder der Wandel des Berufs Angst? >
< Matteo Campostrini > Das ist die Natur dieses Jobs. Design ist nicht wie Kunstgeschichte, die rückblickend funktioniert. Design muss immer neu sein. Wenn ich fünf Jahre stehen bleibe, bin ich sofort ein Dinosaurier. Ich muss neue Software lernen, neue Tools. Vor KI habe ich keine Angst. Vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube nicht, dass KI Kreativität ersetzen kann. KI kann langweilige technische Arbeit ersetzen, zum Beispiel Freistellen in Photoshop. Das ist super. Wenn etwas mit einem Klick geht, dann gerne. Aber Texte, Songtexte, Inhalte generieren, das finde ich schlimm. Da gehen Gefühle verloren. KI sucht Quellen, analysiert sie und gibt schnelle Ergebnisse aus. Aber die Quelle ist immer menschlich.Wir Kreativen sind relativ sicher. Natürlich können Kunden einfache Dinge selbst machen. Design ist dieser graue Bereich zwischen Kunst und Wissenschaft. KI kann Wissenschaft ersetzen, aber nicht Kunst. Entweder akzeptieren wir Maschinenkunst oder nicht. Aber sie basiert immer auf menschlicher Arbeit. Ich vergleiche das mit der Fotografie. Als Fotografie kam, hatten Maler Angst. Heute ist Fotografie ein eigenes Medium. Vielleicht passiert das Gleiche mit KI. Was mir wirklich Angst macht, ist nicht Design, sondern Politik. KI in den Händen von Menschen wie Trump oder Putin. Früher waren Fotos Beweise. Heute kann a
< Woher wusstest du wie viel Geld du (für einen bestimmten Job) bekommen musst/solltest? >
< Andreas Uebele > honorare kalkuliere ich damals wie heute mit einer einfachen methode: wir schreiben eine zahl auf ein papier. dann die probe: fühlt sie sich gut an? nein? darfs ein bisschen weniger sein?
< Wie hat sich das bepreisen von Projekten zu damals verändert? >
< Andreas Uebele > früher wie heute gilt: gute arbeit von hoher qualität ist IMMER teurer als die billo-variante. manche auftraggeber wollen aber genau das: die (vermeintlich) günstige lösung. andere sehen den unterschied, die nachhaltigkeit, die qualität, die schönheit. und schönheit kostet nunmal.
< Wie viel verdient man an so einem Buchprojekt? Und wie kalkuliert man das? >
< Matteo Campostrini > Geld einzuschätzen ist eine Kunst für sich. Es gibt einen großen Unterschied zwischen privaten Kunden und öffentlichen Auftraggebern. Private Kunden zahlen aus ihrer eigenen Tasche. Öffentliche Auftraggeber arbeiten mit Budgets, mit Bilanzen. Wenn du gut verdienen willst, ist der öffentliche Bereich oft stabiler. Ich habe bei Studio Mut gelernt: Bücher und Websites sind wie ein Auto kaufen. Du willst etwas, das funktioniert. Diese Zuverlässigkeit kostet Geld. Nicht das Design selbst, sondern die Betreuung, die Erreichbarkeit, die Erfahrung. Ich sage immer: Unter 2.000 Euro mache ich kein Projekt. Ein Buch dauert mindestens zwei Monate. Texte, Bilder, Bildbearbeitung, Druckvorbereitung, Korrekturen. Die Korrekturphase ist extrem aufwendig. Am Ende kostet ein Buch zwischen 4.000 und 6.000 Euro. Davon bleiben netto vielleicht 3.000 Euro. Für zwei Monate Arbeit ist das okay. Am Anfang hat man Angst, große Zahlen zu sagen. Aber wenn man ehrlich rechnet, merkt man, dass es gerechtfertigt ist. Ich begleite meine Kunden bis zum Druckprozess. Ich fahre zur Druckerei, kontrolliere Farben, Material, Papier.
< Also das habt ihr auch gemacht? Ihr hattet nicht externe Leute dazu geholt, beziehungsweise das von externen Leuten gelernt, sondern euch selber beigebracht? >
< Yvonne Moser > Ja am Anfang schon. Die vorbereitende Buchhaltung haben wir selbst gemacht und an ein Steuerbüro übergeben. Irgendwann haben wir gemerkt, dass es zu viel wird und weniger Zeit für Projekte ist. Deshalb haben wir eine Office Managerin eingestellt, die einige solcher Aufgaben übernommen hat und uns somit den Rücken freihalten konnte.
< Was waren für dich die größten organisatorischen Herausforderungen beim Aufbau des Büros – jenseits des kreativen teils? >
< Andreas Uebele > ich habe das verwalten der projekte total unterschätzt, also das anlegen von projektnummern und die korrekte, systematische bezeichnung von daten. und mir war nicht klar, dass es sinnvoll ist,verantwortung zu teilen. außerdem habe ich erst so nach und nach verstanden, dass jedes einzelne detail, von der telefonanlage über die richtige kaffeemaschine bis hin zur datensicherung nicht nur einen einfluss auf die atmosphäre im büro, sondern auch auf organisatorische belange hat.
< Viele Studierende fühlen sich während des Studiums oder auch danach verloren und nicht ausreichend vorbereitet auf „die Welt da draußen“. Wie war es für dich nach dem Studium? Was würdest du Designstudierenden für Tipps geben, damit dieser Übergang in die Berufswelt gelingt? >
< Andrea Ihl > Ich bin erst in ein paar Wochen wirklich aus meinem Masterstudium raus. Und ehrlich gesagt: hätte ich nicht das enorme Glück mit der Neuen Narrative einen tollen, regelmäßigen Auftraggeber zu bekommen, wäre ich genau so ratlos gewesen. Besonders, weil ich keinen finanziellen Rückhalt habe und nicht einfach so in eine Selbstständigkeit starten könnte. Was ich als wirklich wichtig empfinde ist sich so früh wie möglich im Studium damit zu beschäftigen, was für Möglichkeiten da draußen sind, was man machen möchte und was man auf gar keinen Fall will. Viele stolpern mit einem halbfertigen Portfolio aus dem Studium, wenn man eigentlich schon vor dem Abschluss eine gewisse Professionalität aufbauen sollte.
< Wie hast du deine Karriere begonnen? Wie hat es sich ergeben, dass du nun die Artdirection für das „Neue Narrative“ Magazin machst? >
< Andrea Ihl > Einen genauen Start einer Karriere gab es für mich nicht. Während des Studiums, insbesondere während der Pandemie, verbrachte ich meinte Zeit damit jedem unbezahltem Open Call hinterher zu rennen, um meine Arbeit irgendwie einer Öffentlichkeit zeigen zu können. Mit der Zeit wurden die Anfragen und Aufträge größer, blieben aber dennoch sporadisch. Der ganze Prozess hat bestimmt fünf Jahre gedauert. Und selbst wenn ein größerer Auftrag im vierstelligen Bereich herein trudelte, blieb das oft der einzige bezahlte Auftrag im Jahr für mich. Den Job bei der Neuen Narrative bekam ich nach dem selben Prinzip: Post über eine offene Stelle gesehen — direkt beworben! Sich auf alles zu bewerben frisst aber auch natürlich viel Zeit. Deshalb sollte man mit seinen Kräften haushalten, darüber nachdenken, was funktioniert und gut ankommt, was einen wirklich weiter bringt. Mit der Zeit lernt man zu selektieren. Unbezahlte Anfragen nehme ich grundsätzlich nicht mehr an — außer das Projekt ist mir persönlich sehr wichtig.
< Wie war eure Situation direkt nach dem Abschluss – eher Orientierungslosigkeit oder klarer Fokus? >
< Matter Of > Wir waren weder wirklich orientierungslos, noch klar fokussiert. Wir haben erst einmal Festanstellungen gesucht und gefunden. Das waren nicht unbedingt die Agenturen, in denen wir uns längerfristig sahen, aber eine Sicherheit und wichtige Erfahrungen. Nur Marian studierte nach dem Kommunikationsdesign-Studium direkt Philosophie weiter.
< Welche Soft Skills haben euch den Übergang in die Praxis erleichtert? >
< Matter Of > Hier muss man aufpassen, denn je nach Situation und Kontext, Art der Anstellung, Art des Büros und dessen Strukturen sind andere Soft Skills hervorzuheben. Um mit anderen gemeinsam arbeiten zu können scheint uns Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein für unabdingbar. Generelle Lernbereitschaft und Offenheit kann helfen, um sich nicht zu ernst zu nehmen, sich entwickeln zu können und neues Wissen erlernen zu können, was nicht bedeuten soll, dass man alles mit sich machen lassen soll. Für die Gründung und Führung des eigenen Büros ist für uns Selbstmanagement, Kommunikations- und Organisationsfähigkeit sowie kritisches Denken wichtig. Gerade, da wir vier Personen sind, sind bürointerne Strukturen und Care-Arbeit bedeutsam, sowohl um den Überblick und den gemeinsamen Fokus zu halten, als auch sich nicht zu verstreiten.
< Was würdet ihr jungen Designer:innen raten: zunächst Agentur, Freelancing oder direkt Selbstständigkeit und warum? >
< Matter Of > Auch hier wäre eine pauschale Antwort nicht ausreichend. Generell ist es wichtig, sich nie abzuschotten, offen zu sein, Erfahrungen zu machen und von und mit anderen zu lernen.
< Welche Fähigkeiten aus dem Studium waren für euren Einstieg besonders relevant? >
< Matter Of > Für unseren Berufseinstieg waren technische Fähigkeiten wichtiger als konzeptionelle. Das änderte sich aber nach und nach.
< Wie hast du den Übergang vom Studium ins Berufsleben erlebt? >
< Andreas Uebele > hochschulen sind manchmal wirklichkeitsfern und elitär. die berufliche realität war mir deshalb sehr recht.
< Was war der ausschlaggebende punkt für die gründung des büro uebele? >
< Andreas Uebele > tja, ich brauchte halt geld. und was, bitteschön, hätte ich denn machen sollen? ich kann nur das: dinge schönschwätzen und kritzikratzi mit dem stift. außerdem wollte ich selbstbestimmt arbeiten und keine kompromisse bei gestalterischen entscheidungen eingehen müssen.
< Welche Empfehlungen hast du für Designer:innen, die gerade das Studium abgeschlossen haben? >
< Andreas Uebele > von generellen empfehlungen halte ich wenig. man muss einfach loslegen, anfangen und machen (haha, doch noch eine empfehlung).
< Ja genau, ich glaube viele würde interessieren, wie der Einstieg in die Berufswelt war, beziehungsweise der Übergang vom Studium. >
< Vivien Hoffmann > Ich bin während des Bachelorstudiums nach Berlin gezogen und habe dann von hier aus das Studium fertig gemacht. Ich hatte das Glück, dass ein Professor Connections zu einem Designstudio hatte und mich empfohlen hat. Da habe ich direkt eine Vollzeitposition als Junior Grafikdesignerin bekommen. Das hört sich erst mal nice an, aber es war eigentlich ein kompletter Albtraum. Wenn ich mir meinen Stundenlohn runtergerechnet habe, bin ich auf 7 Euro die Stunde gekommen. Ich habe glaube ich 1.100 Euro Netto rausbekommen, also richtig wenig. Aber man hat ja nach dem Studium dieses Denken, dass man jeden Job der einem angeboten wird mit viel Dankbarkeit annehmen muss. Ein Praktikum war für mich keine Option, weil ich irgendwie meine Miete bezahlen musste. Wenn man überhaupt was für ein Praktikum bekommt, bekommt man auch nicht mehr als 400, 500 Euro. Das ist bei mir weggefallen, deswegen habe ich diesen Job angenommen. Das habe ich dann für ein Jahr lang gemacht und habe es komplett gehasst. Aber ich glaube es lag einfach daran, dass dieses Studio überhaupt nichts mit meinen Interessen zu tun hatte. In der Zeit ging es dann für mich so richtig los. Ich habe nach der Arbeit meine privaten Projekte gemacht, weil ich gemerkt habe, dieser Job erfüllt mich gar nicht und ich muss einen Output finden und Projekte machen, die mir Spaß machen, bei denen ich mich richtig ausdrücken kann. Das habe ich dann immer Abends oder am Wochenende gemacht. Nach einem Jahr habe ich gekündigt. Ich bin echt morgens aufgestanden und dachte ich kann da nicht mehr hingehen. Ich habe mich dann nochmal auf einen Master an der UDK beworben und nebenbei einfach in einem Café gearbeitet, um mir einen basic income zu sichern. Ich habe 50/50 im Café gearbeitet und die ersten Projekte angenommen.
< Wie war der Übergang vom Studium für euch. Wann habt ihr büro bungalow gegründet und was eure Motivation? >
< Yvonne Moser > Wir haben alle zusammen in Würzburg studiert und während unserer Bachelorzeit überlegt, was wir danach machen wollen. Alle waren ein bisschen lost. Wir hatten alle Praktika in Agenturen gemacht, hatten aber nicht so Lust drauf, direkt wieder in Agenturen zu gehen. Dann ist die Idee bei einem Rotweinabend entstanden, dass wir unser eigenes Ding machen wollen. Nach dem Motto „Lass uns einfach ein Jahr ausprobieren und dann schauen wir wie es läuft.“ Und so kam büro bungalow dann zustande. Unsere Professor:innen haben uns sehr gepusht und auch einen Büroplatz in einem Co-Workingspace für Gründer:innen & Start-Ups vermittelt. Da haben wir eine kleine Miete bezahlt. Dann ist das Jahr relativ schnell vorbei gewesen und es ist gut gelaufen und wir haben weitergemacht.
< Gab es bestimmte Risiken oder Rückschläge in der Anfangsphase, aus denen du heute wichtige Erkenntnisse ziehst? >
< Andreas Uebele > schmerzhaft war die erkenntnis, dass man honorare versteuern muss. das geld, das reinkommt, gehört einem also nur zum teil – das war mir nicht so ganz klar, was total irre, aber im nachhinein auch total lustig ist.
< Was sind typische Fallstricke in den ersten Jahren, und wie kann man sie vermeiden? >
< Matter Of > Aus unserer Erfahrung ergaben sich bei uns keine großen Fallstricke, aber sehr viele kleine. Das hat mit Erfahrungswerten innerhalb von interner wie externer Kommunikation zu tun. Klare Strukturen, AGBs, Disclaimer, Aufteilungen usw. Was wir immer vermeiden wollten, war, dass wir wenige große Projekte/Kund:innen haben, auf denen wir uns ausruhen und von denen wir uns abhängig machen.
< Wie gehst du mit Kritik und Ablehnung deiner Arbeiten um, insbesondere wenn sie sehr persönliche und/oder emotionale Themen behandeln? >
< Andrea Ihl > Ich kann mit Kritik gar nicht umgehen. Das ist auch für mich sehr anstrengend und kräftezehrend. Das Gute ist, dass ich meistens aus Trotz umso mehr und fleißiger arbeite. Ich finde es wichtig zu selektieren welche Kritik man annimmt. Wenn ich die Leute sehr schätze, kennen sie mich auch meistens gut genug, um wertvolle Kritik zu geben. Mir wurde auch schon ein paar mal gesagt, dass ich ernste Themen mit Illustration nicht bearbeiten kann. In diesen Momenten haben ich gelernt, dass es einfach grundsätzliche Meinungen gibt, denen ich widerspreche. Diese Kritik ist für mich dann meist nicht viel wert. Was Professor:innen angeht: diese sind auch nur Menschen mit ihren Eigenarten und Vorlieben. Hört zu, denkt darüber nach und seid bereit Fehler zu akzeptieren und gleichzeitig für euch einzustehen, wenn euch eine Sache wichtig ist.
< When you first started working independently, what were the main challenges you faced, and how did you manage to create a practice that could sustain you over time? >
< Sephanie Specht > I was very afraid of going bankrupt, so I said yes to every assignment. I showed all of that finished work on my website, even though I didn’t enjoy more than half of it. As a result, I kept attracting the same kinds of jobs. It took me seven years to realize this. I removed everything from my website and only showed personal work that I truly enjoyed, plus a few paid projects that I liked as well. That’s when things really started to roll. The same principle applied: I received more of what I showed.
< Ich glaube auch, dass dieses nach Außen tragen schon ein wichtiger Bestandteil dessen ist. Kuratierst du dann, was du zeigst? Inwieweit sortiert man die Projekte aus, die vielleicht mehr Cash reinbringen aber vielleicht nicht so visually pleasing sind? Oder hast du schon einen Standard, du willst auf jeden Fall nur die Sachen machen, die auch zu dir und deinem Style passen? >
< Manuel Steiner > Klar könnte man jetzt sagen „Nein, das ist alles idealistisch.“ Aber so ist es nicht. Ich glaube, das ist auch Teil der Realität. Ich habe damit auch gar kein Problem. Für mich ist ein gewisser kommerzieller Erfolg auch wichtig. Das merke ich mit den Künstlern, mit denen ich zusammen arbeite, was ja trotzdem sehr kulturell ist. Trotzdem finde ich das schön, wenn sie in den Charts auf Platz 1 landen oder vor 5000 oder 15.000 Leuten spielen. Das reizt mich dann schon auch irgendwie, die kommerzielle Seite zu sehen. Oder wenn Apple eine Anfrage schickt, dann ist das schon auch schön. Auch wenn das Ergebnis, eher zweitrangig ist oder Mediocre. Es gibt nicht das perfekte Projekt, das Geld, genug Zeit und Aufmerksamkeit gibt. Das gibt es in seltenen oder gar keinen Fällen, wo du alle drei Dinge abhaken kannst.
< Aber dann ist dein Social Media schon auch kuratiert, oder? Also du packst dann wahrscheinlich nicht alles in dein Portfolio oder auf Instagram, was du so machst? >
< Vivien Hoffmann > Das ist eine sehr gute Frage. Absolut nicht.
< Dann lass uns über deinen aktuellen Alltag sprechen. Wie sieht dein Leben heute aus? >
< Matteo Campostrini > Ich arbeite von zu Hause und bin sehr zufrieden damit. Ich hatte zwei Jahre lang ein kleines Studio in Trient, in der Altstadt. Aber es war teuer, hatte keine Toilette und keinen Parkplatz. Studio Mut braucht große Räume, Küche, Parkplätze. Ich arbeite alleine, ich brauche das nicht. Was ich als Mensch brauche, ist Natur. Bäume, Steine, Wasser, Wald. Meine Arbeit sieht technologisch und rational aus, aber ich bin ein totaler Bergmensch. Das ist ein Widerspruch, aber es funktioniert für mich. Ich habe zu Hause einen extra Raum nur zum Arbeiten. Nicht im Wohnzimmer, nicht im Schlafzimmer. Ich habe einen großen Schreibtisch, zwei Monitore, gutes Internet. Mehr brauche ich nicht. Und einen Hund. Der Hund gibt meinem Tag Struktur. Ich arbeite am liebsten morgens. Nachmittags halte ich mir frei, wenn möglich. Ich glaube nicht, dass gute Designer zwölf Stunden im Studio sitzen müssen. Ich arbeite lieber früh. Wenn die Sonne scheint, gehe ich raus. In heißen Phasen, kurz vor dem Druck, bin ich immer erreichbar. Ich würde nie wandern gehen, wenn ein Buch kurz vor dem Druck ist. Abends unterrichte ich. Morgens Kunden, abends Studierende.
< Und wenn du nicht unterrichtest, woran arbeitest im Moment sonst noch? >
< Matteo Campostrini > Im Moment geht es bei mir fast nur ums Lehren. Mein großes Projekt ist Cavalry. Dieser Animationskurs, diese Abendschule. Cavalry ist eine neue Software, eine sehr gute Alternative zu After Effects. Sie ist kostenlos bis zu einem gewissen Punkt. Ich glaube wirklich, dass Cavalry in Zukunft After Effects teilweise ersetzen kann. Es gibt sehr viele Tutorials, aber wenig systematische Lehre. Ich habe angefangen, die Software selbst zu lernen, damit zu spielen, und gemerkt, dass ich intuitiv verstehe, wie sie aufgebaut ist. Ich bin wahrscheinlich eine der wenigen Personen in Europa, die Cavalry wirklich systematisch unterrichten. Es gibt viele Motion Designer, die extrem komplexe und schöne Dinge damit machen, aber kaum jemand erklärt es strukturiert. Ich habe einen Kurs aufgebaut mit Basics: Geometrie, Farbe, Text, kleine Übungen. Sehr systematisch. Und jetzt werde ich von vielen anderen Schulen angefragt, denselben Kurs zu unterrichten.
< Ihr habt ein interessantes Konzept aus eigenen Projekten, Kundenprojekten und Kollaborationen, wie kam es dazu und warum? >
< Matter Of > Wir schätzen die Arbeit mit Kund:innen und die damit verbundene Vermittlungsarbeit. Es wird leicht vergessen, wie wichtig es ist, gute Präsentationen zu erstellen und Argumente zu suchen, die dabei helfen können, gemeinsam unkonventionelle Wege einzugehen. Dennoch waren eigene Projekte für uns schon immer Teil unserer Arbeit und wir haben uns darüber kennengelernt. Es ist für uns wesentlich, zusätzlich freier und experimenteller zu arbeiten. Durch weniger Vorgaben können wir gemeinsam im Kollektiv Experimente ausprobieren, Spaß haben und praktisch wie theoretisch Neues lernen. Uns ist es dabei auch wichtig über unsere eigenen Projekte die Grenzen der Disziplin zu testen und mehr zu sein als ein klassisches Grafik-Büro.
< Das heißt, du siehst Design eher als Handwerk? >
< Matteo Campostrini > Ja, absolut. Also Design ist für mich erst mal ein Job. Es ist eine technische Kunst. So wie ein Schreiner mit Holz arbeitet, arbeite ich mit Layout, Typografie und Software. Viele akademische Leute fühlen sich wohler mit Menschen, die respektabel aussehen, respektabel sprechen und theoretisch argumentieren. Aber ich bin kein Theoretiker. In Bewerbungsgesprächen kamen dann Fragen wie: „Was ist die Rolle von Design in der Zukunft?“ Ich bin keine Philosoph. Ich gestalte Bücher. In Urbino sind viele Journalisten, die schreiben viel. Bei uns im Design schreiben wir kaum. Der erste Text ist meistens die Bachelorarbeit. Deshalb sind Bachelorarbeiten oft sprachlich schwach. Das finde ich aber okay. Ich finde es problematisch, wenn Studierende über Themen schreiben, für die sie keine Expertise haben. Ich lasse Experten schreiben und gestalte die Inhalte. Das ist mein Job. Akademiker finden das oberflächlich, aber ich finde das ehrlich.
< How do you manage to keep your creative process from becoming repetitive and continue producing fresh, original work? >
< Stephanie Specht > This is something I naturally seek out and can’t easily explain. My urge to do something different every time is very strong.
< Gab es bestimmte Risiken oder Rückschläge in der Anfangsphase, aus denen du heute wichtige Erkenntnisse ziehst? >
< Andreas Uebele > schmerzhaft war die erkenntnis, dass man honorare versteuern muss. das geld, das reinkommt, gehört einem also nur zum teil – das war mir nicht so ganz klar, was total irre, aber im nachhinein auch total lustig ist.
< Hast du dann früher auch unbezahlte Projekte gemacht, wenn es sich für die „Erfahrung“ lohnt? >
< Vivien Hofmann > Ja, hab ich auf jeden Fall auch gemacht. Dem stehe ich jetzt kritisch gegenüber. Ich hab‘s auf jeden Fall gemacht, weil ich irgendwie auch nicht gesehen hab, dass es da einen Weg drum rum gibt. Aber mittlerweile ist das genau was du gesagt hast. Man macht es dann und damit drücke sich die Preise runter. Da kommt es eben auch drauf an. Es ist was anderes, wenn man für eine befreundete Person ein Logo macht. Das finde ich geht klar. Aber sobald man für ein etabliertes Studio arbeitet oder für Leute die eigentlich Kohle haben und einen ausbeuten wollen, dann würde ich nicht mitmachen. Ich habe mal eine Anfrage bekommen, die wollten für eine Kampagne ein Lettering von mir haben. Ich dachte mir erst: „Wie geil ist das denn?!“ Und bin mit denen ins Gespräch gegangen. Es musste natürlich direkt passieren, also ich hätte Wochenenden durcharbeiten müssen – Arbeitsbedingungen schon mal für die Katz. Die hatten total High Expectations und wollten dann, ich weiß es nicht mehr genau, nur so 2000 Euro bezahlen. Das war komplett out of comportion für diesen Arbeitsumfang. Das sollte dann noch globally verwendet werden, dass die damit keine Ahnung, wie viel Kohle machen. Dann habe ich echt mit mir gerungen, weil ich dachte, soll ich es jetzt trotzdem machen, damit ich diesen Namen in meinem Portfolio habe? Das zieht dann ja auch andere Clients an und wäre voll der Flex. Ich habe es dann aber nicht gemacht, weil ich es echt nicht eingesehen habe, dass gerade diese big Clients sich so darauf ausruhen, dass sie irgendjemanden finden werden, der es für so wenig Geld macht. Dann dachte ich mir ne scheiß drauf. Das ist so ein Beispiel dafür und das bereue ich auch eigentlich nicht.
< Welche Rolle spielte Freelancing oder Agenturerfahrung für euren Berufsstart? >
< Matter Of > Eine starke, wir alle haben mehrere Jahre als Freelancer oder in Agenturen gearbeitet, bevor wir uns selbstständig gemacht haben. Marian konnte über Freelance-Arbeiten sein Zweitstudium finanzieren.
< Welche Erkenntnisse oder Learnings habt ihr aus dieser Zeit mitgenommen? >
< Matter Of > Einerseits zielgerichteter Arbeiten zu lernen, das wirklich für eine konkrete Realität bestimmt ist. Andererseits waren unsere Skills in Typografie, Indesign usw. viel ausbaufähiger als wir vielleicht erwartet hatten, so dass wir viel von anderen abschauen konnten. Auf diese Weise hat jeder verschiedene Skills aus verschiedenen Richtungen in unser Kollektiv mitgebracht.
< Welche Fähigkeiten/Erfahrungen aus dem Studium waren rückblickend besonders wertvoll – und was hättest du dir zusätzlich gewünscht? >
< Andreas Uebele > im studium der architektur und städtebau lernt man struktur, die tiefe durchdringung von komplexen sachverhalten und einen ganzheitlichen blick auf problemstellungen. davon profitiere ich heute noch. gewünscht hätte ich mir mehr persönliche ansprache von lehrenden.
< Du hast ja nicht nur in Bozen studiert, sondern später noch einen zweiten Bachelor an der UdK in Berlin gemacht richtig? Wieso hast du dich dazu entschieden.>
< Matteo Campostrini > Ja das stimmt. Ich war relativ unzufrieden mit meinem Niveau und meinem Portfolio, beziehungsweise meinem nicht existierenden Portfolio nach der Uni Bozen. Ich habe die Uni geliebt, aber am Ende ist die Struktur dort so, dass man immer zwischen Produkt- und Grafikdesign wechselt. Im Endeffekt hatte ich zu wenig Grafikdesign gemacht und wollte mehr erfahren, mehr wissen. 2009 habe ich angefangen, mich für die Grafikdesign-Szene zu interessieren. Ich hatte immer eine starke Verbindung zu Schweizer und deutschem Design: Raster, Typografie, Schwarz-Weiß, sehr geometrisch. Ich habe mich kulturell immer näher an Deutschland und der Schweiz gefühlt als an Renaissance, Venedig oder Florenz. Ich bin dann erst einmal nach Berlin gezogen, um Deutsch zu lernen. Ich habe ein Praktikum in einer Kunstgalerie gemacht. Direkt neben der Galerie war aber das Studio von Erik Spiekermann. Jedes Mal, wenn ich an den Druckmaschinen vorbeigegangen bin, habe ich gedacht: Ich bin hier am falschen Ort. Ich will da drüben arbeiten. Ich habe mich ohne große Erwartungen an der UdK Berlin beworben, für einen zweiten Bachelor, nicht für einen Master. Und die UdK hat mich angenommen. Spiekermann hat mich stark gefördert. Deshalb habe ich den gesamten Bachelor dort gemacht. Die Struktur an der UdK ist komplett anders. Man spezialisiert sich sofort, zum Beispiel auf Plakat- oder Buchdesign, stark typografisch. Und man bleibt die ganze Zeit bei einem Professor. Wenn man sich wohlfühlt, kann man so lange bleiben, wie man möchte. In meinem Fall war das jemand, der kein rein akademischer Professor war, sondern ein praktizierender Designer mit großem Studio, vielen Projekten, politisch und kulturell orientiert. Das war meine erste echte Prägung. Mein erster Mentor.
< Wenn du das mit heute vergleichst: Würdest du sagen, dass sich das Designstudium oder die Situation für junge Designer:innen stark verändert hat? >
< Matteo Campostrini > Ja, total. Also wenn ich mir anschaue, was meine Freunde machen oder was ich von Designstudierenden heute mitbekomme, dann müssen viele einfach in Agenturen gehen, weil sie nichts in einem guten Studio finden. Teilweise sind Agenturen nicht schlecht bezahlt, und dann geht man halt dorthin, um Geld zu verdienen. Aber Qualität ist immer entscheidend. Wenn du gut bist, wenn du gut zeichnen kannst, wenn du gut designen kannst und ein gutes Portfolio hast, dann nehmen dich gute Studios. Vielleicht klappt es nicht wegen Zeit oder Lohn, aber gute Leute finden immer Platz. Jedes Mal, wenn ein Studio eine Jobposition anbietet, bekommen sie 200 bis 300 Portfolio-PDFs. Davon sind vielleicht 10 Prozent wirklich gut. Das ist ein Problem der Universitäten. Entweder lehren sie schlecht oder 90 Prozent der Unis sind einfach nicht gut genug.
< Generell ist Fehler machen und Scheitern gerade sehr negativ behaftet. Keiner will schlechtes Design machen, Fehler begehen. Alle wollen die fancy, coolen Instagram Projekte haben, die perfekt sind. Dadurch entsteht so viel Druck überhaupt was anzufangen. Ich glaube generell ist Scheitern ein großes Thema, was gerade alle irgendwie versuchen zu umgehen. Aber du würdest wahrscheinlich auch sagen, scheitern ist wichtig in dem Bereich, oder? >
< Manuel Steiner > Voll. Nobody is perfect. Kein Projekt ist perfekt. Kein Design ist perfekt. Und wie gesagt, ich hatte das in den 10, 15 Jahre, in denen ich das mache, noch nie. Irgendwas fehlt immer. Deshalb ist es auch so wichtig, sich da irgendwie von zu befreien. Das war bei mir von Anfang an auch nicht so, das braucht einfach so ein bisschen, das kommt auch mit der Zeit automatisch. Auch gesund damit umzugehen und sich nicht zu viel mit anderen zu vergleichen ist wichtig. Manche Leute haben auch einfach mehr Glück, mehr Chancen. Manche sind auch einfach fleißiger oder haben ein bisschen mehr Talent oder whatever. Seinen eigenen Weg zu finden und sich unvergleichbar zu machen, das ist doch das schöne. Dann macht es auch mehr Spaß und es ist egal, ob der eine mehr Likes hat oder mehr Follower das ist dann zweitrangig.
< Gab es bestimmte Risiken oder Rückschläge in der Anfangsphase, aus denen du heute wichtige Erkenntnisse ziehst? >
< Andreas Uebele > schmerzhaft war die erkenntnis, dass man honorare versteuern muss. das geld, das reinkommt, gehört einem also nur zum teil – das war mir nicht so ganz klar, was total irre, aber im nachhinein auch total lustig ist.
< Wenn du heute nach vorne blickst: Machen dir Themen wie KI oder der Wandel des Berufs Angst? >
< Matteo Campostrini > Das ist die Natur dieses Jobs. Design ist nicht wie Kunstgeschichte, die rückblickend funktioniert. Design muss immer neu sein. Wenn ich fünf Jahre stehen bleibe, bin ich sofort ein Dinosaurier. Ich muss neue Software lernen, neue Tools. Vor KI habe ich keine Angst. Vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube nicht, dass KI Kreativität ersetzen kann. KI kann langweilige technische Arbeit ersetzen, zum Beispiel Freistellen in Photoshop. Das ist super. Wenn etwas mit einem Klick geht, dann gerne. Aber Texte, Songtexte, Inhalte generieren, das finde ich schlimm. Da gehen Gefühle verloren. KI sucht Quellen, analysiert sie und gibt schnelle Ergebnisse aus. Aber die Quelle ist immer menschlich.Wir Kreativen sind relativ sicher. Natürlich können Kunden einfache Dinge selbst machen. Design ist dieser graue Bereich zwischen Kunst und Wissenschaft. KI kann Wissenschaft ersetzen, aber nicht Kunst. Entweder akzeptieren wir Maschinenkunst oder nicht. Aber sie basiert immer auf menschlicher Arbeit. Ich vergleiche das mit der Fotografie. Als Fotografie kam, hatten Maler Angst. Heute ist Fotografie ein eigenes Medium. Vielleicht passiert das Gleiche mit KI. Was mir wirklich Angst macht, ist nicht Design, sondern Politik. KI in den Händen von Menschen wie Trump oder Putin. Früher waren Fotos Beweise. Heute kann alles manipuliert werden. Man weiß nicht mehr, was echt ist. Das ist gefährlich.
< Was viele interessiert, die in die Selbstständigkeit starten wollen ist, wie kommt man an Projekte? Ist das zufällig oder würdest du sagen, da spielt persönliche Connection eine Rolle? Social Media? Ist das eine Mischung aus allem? >
< Manuel Steiner > Wenn ich das wüsste. Also ich selber bin extrem schlecht in Sales, also das was die Kundenakquise angeht, weil ich mich nicht selber verkaufen möchte. Das fällt mir immer schwer und ich muss mich dazu zwingen. Ich glaube, da gehört auch einfach viel Glück dazu aber auch viel Beharrlichkeit und Beständigkeit. Dir werden immer Steine in den Weg gelegt werden. Manchen mehr, manchen weniger, aber dass man da nicht aufgibt und dran bleibt und einen langen Atem mitbringt. Ich glaube, das hilft. Und präsent zu sein, auf welche Art und Weise. Vor allem für junge Leute: Shared eure Sachen. Ich versuche auch immer meine Sachen zu teilen. Es gibt nichts, womit ich 100% happy bin. Gar nichts. Also wenn es danach gehen würde, könnte ich auch gar nichts in die Welt tragen. Das braucht immer Mut, die eigenen Sachen zu teilen, auch wenn man nicht 100% happy ist. Auch wenn was schiefgegangen ist. Das ändert sich nie. Es fehlt immer an irgendwas ob an Zeit, Geld, an Leuten oder an Verständnis. Aber es hilft auf jeden Fall, das trotzdem zu teilen. Auch wenn das nicht deinem Standard entspricht, für jemand anders ist es etwas ganz ganz tolles. Auf welche Art und Weise auch immer, ob über Instagram oder eine Ausstellung, die Welt teilhaben zu lassen, ich glaube, das ist schon auch ein wichtiger Teil des Prozesses.
< Viele würde noch interessieren, was du zum Thema Selbstständigkeit gerne früher gewusst hättest. Gab es ein Big Learning oder hättest du etwas im Nachhinein anders gemacht? >
< Vivien Hoffmann > Weniger Scham und mehr Austausch. Also ich glaube, das ist die Kehrseite von diesem „Fake-It-Till-You-Make-It“ und sich so zu präsentieren. Das sich bei Instagram alle so präsentieren, als ob sie irgendwie total erfolgreich sind und alles schon verstanden habe. Gerade am Anfang ist klar, man muss sich irgendwie so präsentieren, dass Leute einen Ernst nehmen und dass man Clients an Land zieht, aber es ist halt auch voll okay, ehrlich zu sein. Gerade mit anderen Designer:innen, die vielleicht in einer ähnlichen Position sind in den Austausch zu gehen und über Pricing und Geldthemen zu sprechen. Ich weiß noch, dass ich damit am Anfang echt Schwierigkeiten hatte, weil ich gedacht habe, ich will ja nicht, dass jemand weiß, dass ich am strugglen bin. Als ich angefangen habe mit Leuten zu reden, habe ich gemerkt, es sind alle am strugglen. Keiner judged dich, dass man nicht perfekt bescheid weiß. Man kann sich gegenseitig einfach krass unterstützen und bereichern, wenn man einfach miteinander spricht.
< Gibt es aber auch Sachen, bei denen du in der Selbstständigkeit strugglest? >
< Vivien Hoffmann > Ja, schon auf jeden Fall. Das ist natürlich immer gepaart mit so einer gewissen Ungewissheit. Man weiß eben nicht, wann kommt das nächste Projekt rein. Besonders am Anfang, hat mir das teilweise schon echt Angst gemacht, weil, wie es halt immer so ist, kommen irgendwie alle Sachen auf einmal und dann kommt ein Monat auf einmal gar nichts mehr. Man weiß irgendwie nie so richtig geht es jetzt noch weiter, kommt jetzt wieder was. Es hat zum Glück immer geklappt, aber man muss sich schon ein bisschen Rücklagen anlegen, dass man nicht aufgeschmissen ist, wenn mal ein Monat kein gut bezahltes Projekt reinkommt. Das muss man ein bisschen mitdenken. Was ich auch noch sagen würde, was vielleicht auch nicht immer so einfach war auch gerade am Anfang, dass man sich so viel selber beibringt. Auf der einen Seite ein schönes Gefühl, wenn man merkt, man kriegt das alleine hin. Aber gleichzeitig denke ich mir auch, wenn man für jemanden arbeitet, also auch dieses eine Jahr, wo ich in der Agentur gearbeitet habe, habe ich trotzdem krass viel gelernt. Arbeitsabläufe, Kundenkontakt, wie man eine ordentliche Folder Structure anlegt und Abläufe plant. Da sind mir vielleicht so ein paar Sachen durch die Lappen gegangen beziehungsweise ich hab einfach viel, viel länger gebraucht, weil ich niemanden hatte, der mir gezeigt hat wie es geht. Ich musste alles nach und nach selber erarbeiten und rausfinden.
< Was für Eigenschaften sollte man als Designer:in haben, um als Freelancer:in gut arbeiten zu können? Denkst du, dass du all diese Eigenschaften besitzt? >
< Andrea Ihl > Das hängt von der Definition von „gut“ ab. Wie misst man sowas? Wenn man nach Geldsummen geht, dann sollte man wenig Schamgefühl haben, viel Ambitionen, konstant auf Kontaktsuche sein und Menschen mit der Intention kennenlernen, dass sie potenziell zu Aufträgen führen. Als sehr introvertierte und unsichere Person bin ich leider überhaupt nicht so. Ich bin fleißig, gut organisiert und schnell in meiner Arbeit. Ich wurde für meine Sorgfältigkeit und die Qualität meiner Arbeit gelobt. Ich hoffe, dass ich daran festhalten kann und das allein ausreicht.
< Was sollte man bei der Entscheidung zwischen Festanstellung und Selbstständigkeit beachten? >
< Andreas Uebele > lieben sie geregelte arbeitszeiten? können sie anweisungen befolgen? auch dann, wenn sie unsinnig sind? möchten sie eine ausgeglichene work-life-balance haben? wollen sie sich über geld keine gedanken machen müssen? oder sind sie insgeheim ein diktator/eine dikatorin? machen sie gerne fehler? sind sie gerne auch am wochenende im büro? möchten sie reich und berühmt werden? wollen sie in der ersten reihe stehen? sind sie geltungsbedürftig?
< Warum hast du Studio Mut verlassen und dich selbstständig gemacht? >
< Matteo Campostrini > Das war kurz vor Covid. Ich wollte eigentlich einen Master machen und war an drei Universitäten angenommen. Dann kam die Pandemie. In Italien war der Lockdown extrem hart. Ich hatte Angst, mein Erspartes für ein Studium auszugeben, das nur online stattfindet. Ich wusste, dass das für mich nicht funktioniert. Lernen heißt für mich, in einer Stadt zu leben, vor Ort zu sein. Dann bin ich 30 geworden, habe gut gearbeitet, hatte Projekte und habe den Master nie mehr angefangen. Das fehlt mir heute manchmal, zum Beispiel bei Bewerbungen an Unis. Ohne Master bekommst du oft weniger Punkte.
< Wie bist du in die Selbstständigkeit gestartet? >
< Manuel Steiner > Für mich war es immer klar, dass es was Selbstständiges wird, dass es was Unabhängiges wird. Als Industriedesigner, wenn wir über Möbel reden, ist es extrem schwierig Fuß zu fassen, wenn man jetzt nicht gerade einen Geldtopf unter dem Baum findet. Deshalb war es für mich schon von vornherein klar, dass das eine schöne Leidenschaft ist, aber ich es nie wirklich zum Beruf machen wollen würde. Ich hab dann damals schon mit Klamotten angefangen. Ich habe sehr viel im Bereich Mode schon im Studium gemacht und auch verkauft. Das lief relativ gut. Da war schon eine Nachfrage da und das hat mir bis heute sehr viele Türen geöffnet. Irgendwann bin ich dann auch rausgewachsen, T-Shirt, Hoodies, Prints oder Klamotten zu gestalten und zu verkaufen. Dann wurde das mehr zum Vertrieb und gar nicht mehr so richtig kreativ und deshalb ist dann 27Bucks daraus entstanden. Als Studio, Boutique, Agentur sozusagen um das weiterführen.