< Was macht für dich ein gutes Portfolio aus? >
< Matteo Campostrini > Ist das PDF lesbar? Gibt es einen Anfang, ein Ende? Versteht man, wo ein Projekt anfängt und wo das nächste beginnt? Storytelling ist extrem wichtig. Die Fähigkeit, sich selbst zu erzählen, ohne persönlich da zu sein. Und daran scheitern 90 Prozent der Portfolios. Design ist kein künstlerischer Selbstzweck. Es muss funktionieren. Und im Portfolio zählt zuerst die Struktur, dann die Projekte.
< Welche rolle spielte dein persönliches Portfolio in den ersten Jahren?>
< Andreas Uebele > a yo, mein portfolio. ich war so froh. und so stolz, oho.
< Do you have any tips for a good portfolio? >
< Stephanie Specht > Only show work that you genuinely love doing.
< Aber hast du dann trotzdem Faktoren, die deine Auswahl beeinflussen, welche Aufträge oder Projekte du annimmst? >
< Manuel Steiner > Ja, also es gibt natürlich Sachen, die einfach per se nicht gehen. Also was moralisch einfach nicht zu meinem Kompass passt. Zum Beispiel, wenn es zu schnelllebig ist. Ich mag es gerne mit Kunden sehr langfristig zu arbeiten. Das kommt aus einer Vorliebe, wie ich meine Arbeit verstehe und wie ich auch am besten funktioniere. Deshalb weniger Kampagnen und weniger Warm Off, die nur kurzfristig gedacht sind. Da bin ich nicht gut drin. Deshalb mag ich das auch, wenn Kunden das verstehen und das ist vielleicht auch das erste Auswahlkriterium – neben der moralischen Ebene natürlich – dass es eine langfristige Partnerschaft ist. Dass wir über 2, 3, 4, 5 Jahre reden und da gemeinsam etwas entwickeln und immer wieder neue Sachen entwickeln. So kann man Projekte viel größer wachsen lassen. Dann hast du auch einen größeren Hebel als Gestalter, als Designer wenn wir das langfristig machen und dadurch einen größeren Effekt haben. Das macht ja dann auch mehr Spaß.
< Ich glaube auch, dass vielen bewusst ist, dass man natürlich ein bisschen aussortiert. Aber es ist dann trotzdem immer spannend nochmal zu hören, dass das wirklich mit Absicht einfach versteckt bleibt. Wie ist dann so die Balance bei dir? Ist es 50/50, also Projekte, die eher Geld reinbringen und dann Projekte, die dir eher Spaß machen und die du vom Style auch feierst? >
< Vivien Hoffmann > Ja genau, ich glaube es sind so drei Columns, könnte man fast sagen. Es gibt einmal Projekte, die ich selber fühle, die mich ästhetisch ansprechen, wo ich weiß, ich kann eine Arbeit machen, die mich auch selber erfüllt. Dann gibt es eben Projekte, die gut Kohle bringen, aber jetzt nicht so viel mit meinem Interessengebiet zu tun haben. Und dann gibt es eben noch Projekte, die irgendwie einen Mehrwert für die Gesellschaft haben oder die für einen gemeinnützigen Zweck sind. Die können vielleicht gestalterisch nicht immer total expressive und experimentell sein und bringen auch nicht super viel Geld, wenn überhaupt. Oft ist es dann pro Bono, aber man weiß eben, dass hat eine andere Sinnhaftigkeit an solchen Projekten zu arbeiten. Da versuche ich immer die Balance zu finden. Man kann sich das natürlich nicht immer aussuchen. Manchmal hat man eine Phase, da macht man einen Monat oder zwei nur Commercial und dann kommen drei coole Artworks rein. Am besten ist es natürlich, wenn es sich alles gleichmäßig verteilt. Ich glaube aber schon, dass es bei mir so 50/50 ist.
< Hattet ihr Kriterien, die eure Projektauswahl beeinflusst haben? Wart ihr überhaupt an dem Punkt, dass ihr euch das aussuchen konntet? >
< Yvonne Moser > Wir haben uns ein System aufgebaut, was für Kriterien erfüllt sein sollten und danach haben wir ausgewählt, was wir annehmen und was nicht. Ich mein, klar, das ist auf jeden Fall eine privilegierte Position, wenn man Projekte ablehnen kann. Wenn Anfragen reinkamen mit dessen Werten wir uns nicht identifizieren konnten, dann haben wir das abgelehnt. Wir haben aber gesagt, wir hören uns immer alles an, um einfach offen zu bleiben und nicht von vornherein Sachen abzulehnen. Uns war es auch wichtig, immer eine finanzielle Konstante zu haben. Also wiederkehrende Aufträge/ Retainer über längere Zeit.
< Was waren für dich die größten organisatorischen Herausforderungen beim Aufbau des Büros – jenseits des kreativen teils? >
< Andreas Uebele > ich habe das verwalten der projekte total unterschätzt, also das anlegen von projektnummern und die korrekte, systematische bezeichnung von daten. und mir war nicht klar, dass es sinnvoll ist,verantwortung zu teilen. außerdem habe ich erst so nach und nach verstanden, dass jedes einzelne detail, von der telefonanlage über die richtige kaffeemaschine bis hin zur datensicherung nicht nur einen einfluss auf die atmosphäre im büro, sondern auch auf organisatorische belange hat.
< Which skills do you think are essential to succeed in the design industry today – and how important are soft skills like communication or negotiation compared to creative abilities? >
< Stephanie Specht > You have to examine your position in the world: how do you relate to your work in another country? These are all very interesting learning experiences.
< Welche Fähigkeiten/Erfahrungen aus dem Studium waren rückblickend besonders wertvoll – und was hättest du dir zusätzlich gewünscht? >
< Andreas Uebele > im studium der architektur und städtebau lernt man struktur, die tiefe durchdringung von komplexen sachverhalten und einen ganzheitlichen blick auf problemstellungen. davon profitiere ich heute noch. gewünscht hätte ich mir mehr persönliche ansprache von lehrenden.
< Gibt es Perspektiven, die du für die zukünftige Generation für Designer:innen siehst vor allem im Spannungsfeld von Gestaltung und gesellschaftlicher Verantwortung. Also siehst du da irgendwie eine Wichtigkeit drin oder trennt man das komplett, was für Impact vielleicht auch Gestaltung haben kann? >
< Manuel Steiner > Okay, wo fange ich an? Ich glaube, ich bin da schon sehr von Bauhaus und HfG Ulm geprägt. Max Bill, Ottl Aicher, Geschwister Scholl. Wenn man sich einmal in die Beweggründe von HfG Ulm ein bisschen reinfuchst, dann hat das eine Tragweite. Es geht darum, gesellschaftlich in vielen Dingen versagt zu haben. Jetzt müssen wir auch andere Sachen, also wie wir Dinge gestalten und entwickeln auch hinterfragen. Wie man mit Leuten umgeht und wie man seine Umwelt gestaltet – auch im Thema Nachhaltigkeit. Das geht Hand in Hand, finde ich. Wenn man sich dazu separiert, dann ist man schnell in einem oberflächlichen Bereich. Das ist für mich nicht interessant, weil es austauschbar ist. Gesellschaftliche Themen, soziale Themen, nachhaltige Themen oder psychologische Themen - das ist spannend. Das ist auf jeden Fall miteinander verkoppelt. Mir hilft es dann immer nach Ulm zu schauen, weil das ist mit den Geschwister Scholl natürlich as big as it gets, was soziale Verantwortung angeht. Da ist schon ein großer Brocken geliefert worden. Letztendlich geht es ja auch beim Bauhaus darum, dass man das nicht komplett entkoppelt. Nur HfG Ulm hat es ein bisschen besser gemacht.
< Should designers feel responsible for the impact of their work? >
< Stephanie Specht > Yes, of course. You are placing something visual into the world. There are, however, factors you can’t control—such as a client deciding years later to show your work in a different context.
< Was war ein „Reality Check“ – Moment/ Rückschlag in deiner Karriere? >
< Andrea Ihl > Mein erstes großes Praktikum, definitiv. Ich habe bei einem bekannten Berliner Design Studio gearbeitet und mich selten so gedemütigt gefühlt. Alle Klischees wurden dort erfüllt: ich sollte Kaffee kochen und Aschenbecher reinigen, ohne selbst jemals einen Kaffee getrunken oder eine Zigarette geraucht zu haben. Ich wurde oft nicht beachtet, man verlangte unbezahlte Überstunden von mir. Ich musste mir Geld leihen, um das Praktikum überhaupt finanzieren zu können. Das Verhalten gegenüber jungen Frauen war sehr fragwürdig. Ich zählte wortwörtlich die Tage, bis das Praktikum vorbei war, während Menschen mich dafür lobten, dass ich es dorthin geschafft hatte. Seitdem hatte ich einige frustrierende Momente, aber nichts kam an meine Zeit in Berlin heran.
< Was war euer größter Rückschlag/Reality Check in eurer Karriere und wie seid ihr damit umgegangen? >
< Matter Of > Es gab verschiedene kleine Rückschläge, wie zum Beispiel ein Kunde, der nicht bezahlt hat und ein Anwalt, der sich dann um diesen Fall nicht so richtig gekümmert hat. Man lernt daraus, öfter Zwischenrechnungen zu stellen und eine Rechtschutzversicherung abzuschließen. Generell ist die kontinuierliche und etwas nagende Realität für uns aber vor allem, dass das Büro nie ein Selbstläufer ist und werden wird. Am Anfang ist die Euphorie groß und vieles wirkt aufregend, wichtig und so, als ob bald alles von alleine gehen wird. Man muss aushalten können, wenn sich Veränderungen später, kleiner oder langsamer anfühlen.
< Gab es auf deinem Weg trotzdem Momente, in denen du gezweifelt hast oder dachtest: Vielleicht funktioniert das alles doch nicht? >
< Matteo Campostrini > Nein. Ich kann nur das machen. Ich könnte nie etwas anderes machen. Ich war schon immer so. Ich habe immer gewusst, was mir gefällt. Ich habe nie gezweifelt, vielleicht doch etwas anderes zu studieren. Ich wusste schon als Kind, dass ich visuell bin. Ich erinnere mich an die Schriften in meinen Comics und Büchern, obwohl ich die Namen damals nicht kannte. Ich konnte dieselbe Schrift in einem anderen Buch wieder erkennen. In meiner Familie sind alle Wissenschaftler. Kunst hatte dort keinen Platz. Mein Vater ist Universitätsprofessor. Die Entscheidung für Design war fast rebellisch. Inhaltlich hat niemand verstanden, was ich mache. Aber ich bin wissenschaftlich in meiner Arbeitsweise. Regeln, Proportionen, Systeme. Cavalry ist sehr mathematisch, deshalb fühle ich mich dort wohl. Bei Familienfeiern merke ich den Unterschied extrem. Meine Verwandten verstehen komplexe Themen der Welt, aber erkennen keine problematische Bildsprache, keinen Sexismus, keinen Rassismus in Werbung. Designer sehen solche Dinge sofort. Das ist unsere Rolle.
< What has been your biggest reality check or turning point in your career so far, and how did you deal with moments of doubt? >
< Stephanie Specht > I was very afraid of going bankrupt, so I said yes to every assignment. I showed all of that finished work on my website, even though I didn’t enjoy more than half of it. As a result, I kept attracting the same kinds of jobs. It took me seven years to realize this. I removed everything from my website and only showed personal work that I truly enjoyed, plus a few paid projects that I liked as well. That’s when things really started to roll. The same principle applied: I received more of what I showed.
< Okay, also das heißt, du würdest schon sagen, dass Instagram auch eine wichtige Rolle spielt, um mehr Aufträge zu bekommen, wenn man selbstständig ist? >
< Vivien Hoffmann > Auf jeden Fall. Ich glaube, man kommt echt nicht drumherum. Ich muss sagen, ich habe eine Hassliebe zu der Plattform. Ich muss wahrscheinlich nicht erzählen, dass es auch sehr anstrengend sein kann, dass man sich immer vergleicht und dass das sehr viel Kapazität einnehmen kann. Aber ich könnte nicht darauf verzichten. Bei mir kommen auf jeden Fall 60% meiner Aufträge über Instagram. Und dann wird man natürlich, wenn man einmal mit Leuten zusammen gearbeitet hat, weiter empfohlen. Aber genau, ich würde sagen „The First Impression“ ist meistens Instagram tatsächlich.
< I see you have a website, an Instagram account, and you also use LinkedIn. How do you approach self-promotion as a designer, and what has worked best for you for getting attention from new clients and presenting your work? >
< Stephanie Specht > My website and Instagram are very important. Instagram perhaps even more for networking.
< Gibt es aber auch Sachen, bei denen du in der Selbstständigkeit strugglest? >
< Vivien Hoffmann > Ja, schon auf jeden Fall. Das ist natürlich immer gepaart mit so einer gewissen Ungewissheit. Man weiß eben nicht, wann kommt das nächste Projekt rein. Besonders am Anfang, hat mir das teilweise schon echt Angst gemacht, weil, wie es halt immer so ist, kommen irgendwie alle Sachen auf einmal und dann kommt ein Monat auf einmal gar nichts mehr. Man weiß irgendwie nie so richtig geht es jetzt noch weiter, kommt jetzt wieder was. Es hat zum Glück immer geklappt, aber man muss sich schon ein bisschen Rücklagen anlegen, dass man nicht aufgeschmissen ist, wenn mal ein Monat kein gut bezahltes Projekt reinkommt. Das muss man ein bisschen mitdenken. Was ich auch noch sagen würde, was vielleicht auch nicht immer so einfach war auch gerade am Anfang, dass man sich so viel selber beibringt. Auf der einen Seite ein schönes Gefühl, wenn man merkt, man kriegt das alleine hin. Aber gleichzeitig denke ich mir auch, wenn man für jemanden arbeitet, also auch dieses eine Jahr, wo ich in der Agentur gearbeitet habe, habe ich trotzdem krass viel gelernt. Arbeitsabläufe, Kundenkontakt, wie man eine ordentliche Folder Structure anlegt und Abläufe plant. Da sind mir vielleicht so ein paar Sachen durch die Lappen gegangen beziehungsweise ich hab einfach viel, viel länger gebraucht, weil ich niemanden hatte, der mir gezeigt hat wie es geht. Ich musste alles nach und nach selber erarbeiten und rausfinden.
< Was waren damals eure größten Hoffnungen und Ängste? >
< Matter Of > Die Hoffnung war, akzeptiert zu werden, Geld verdienen zu können. Die Hoffnung, in einem besonders guten Studio zu arbeiten, schwebte natürlich schon im Raum, aber noch sekundär. Damals war die Grundsituation anders als heute, wo es generell viel mehr Unsicherheiten gibt. Angst war nicht so ein großer Faktor.
< Vergleichst du dich mit anderen Designer:innen? Wie beeinflusst das dich und deine Arbeit? >
< Andrea Ihl > Ständig. In schlechten Phasen fast täglich. Einerseits habe ich schon immer in den Arbeiten anderer Inspiration gefunden — im besten Fall denkt man sich: das ist so cool, das will ich auch ausprobieren! Andererseits versuche ich kaum auf Social Media zu sein, da der Vergleich mit anderen, die nur das Beste ihrer Arbeit posten, mich oft deprimiert. Es tut gut mit Leuten, die man über Instagram kennenlernt, in den persönlichen Austausch zu kommen. Dann merkt man, dass die*der Andere meistens die selben Probleme hat wie man selbst.
< Wie hat das bei dir angefangen? Ich glaube, du hast Industriedesign studiert, richtig? Warst du nach deinem Studium direkt in der Industriedesign-Berufswelt tätig oder hast du freiberuflich gearbeitet? >
< Manuel Steiner > Genau, das war Industriedesign, beziehungsweise Produktgestaltung in Schwäbisch Gmünd. Bis auf ein Pflichtpraktikum habe ich nie wirklich in dem Bereich gearbeitet, weil ich das aber auch sehr schwierig in dem Bereich finde. Für mich war es immer klar, dass es was Selbstständiges wird, dass es was Unabhängiges wird. Als Industriedesigner wenn wir über Möbel reden, ist es extrem schwierig, Fuß zu fassen, wenn man jetzt nicht gerade einen Geldtopf unter dem Baum findet. Deshalb war es für mich schon von vornherein klar, dass das eine schöne Leidenschaft ist, aber ich es nie wirklich zum Beruf machen wollen würde. Ich hab dann damals schon mit Klamotten angefangen. Ich habe sehr viel im Bereich Mode, schon im Studium gemacht und auch verkauft. Das lief relativ gut. Da war schon eine Nachfrage da und das hat mir bis heute sehr viele Türen geöffnet. Irgendwann bin ich dann auch rausgewachsen, T-Shirts, Hoodies, Prints oder Klamotten zu gestalten und zu verkaufen. Dann wurde das mehr zum Vertrieb und gar nicht mehr so richtig kreativ und deshalb ist dann 27Bucks daraus entstanden. Als Studio, Boutique, Agentur sozusagen um das weiterzuführen. Das war ein fließender Übergang mit dem Ende des Studiums.
< Gab es in deinem Studium in stuttgart einen besonderen Moment oder ein Projekt, das deinen beruflichen weg entscheidend geprägt hat? >
< Andreas Uebele > Die plötzliche Erkenntnis: arbeiten macht spaß. und weiter: viel arbeiten macht noch mehr spaß. und am schönsten, weil so einfach: richtig viel Arbeit führt zu einem richtig guten Ergebnis.
< Wie hast du den Übergang vom Studium ins Berufsleben erlebt? >
< Andreas Uebele > hochschulen sind manchmal wirklichkeitsfern und elitär. die berufliche realität war mir deshalb sehr recht.
< Was würdet ihr Studierenden heute empfehlen, schon während des Studiums aktiv zu tun? >
< Matter Of > Für uns hat es gut funktioniert früh aktiv gewesen zu sein. Eigen-initiiertes Arbeiten war immer unser Antrieb, dazu gehört auch das Verfolgen von anderen Interessen, die zu Rückkopplungen mit unserer Designpraxis führen können. Wir gründeten während dem Studium ein Modelabel und ein Designbüro. Darüber kamen wir bereits früh mit GbR-Verträgen, Steuern oder ProduktSourcing in Kontakt. Das bedeutet aber nicht, dass dieses Vorgehen für jede:n Studierenden richtig ist, das kommt auf den Kontext, die Interessen und die Ziele an. Bei uns war das gemeinsame Arbeiten und der Spaß im Fokus. Also kein verkrampftes Erfüllen bestimmter kursierender Werte und Erwartungen, was nicht bedeutet, dass wir unabhängig von diesen agierten.
< 27 Bucks machst du das eigentlich alleine? Oder seid ihr ein Team? >
< Manuel Steiner > Ja, das ist ein Team. Aber streng genommen bin es eigentlich nur ich. Ich nenne das „Core Satellite“. Ich habe ein Core-Team aus Leuten, mit denen ich regelmäßig zusammen arbeite. Es gibt kein Projekt, wo ich alleine dran arbeite beziehungsweise nur in sehr seltenen Fällen. Ich finde das als neues Modell für eine Agentur irgendwie ganz spannend. Wie gesagt, ich versuche immer für mich das Beste oder das Sinnvollste zu machen, auch wenn es dann noch ungewöhnlich oder schwierig zu erklären ist. Aber so kannst du als Agentur, so wird es mir auch von Kunden immer gespiegelt, einerseits große Projekte machen, weil du trotzdem deinen Core-Team, dein Netzwerk hast. Auf der anderen Seite hast du aber trotzdem die Agilität und den persönlichen Kontakt zu den Kunden, was auch immer als extrem wichtig von Kunden gespiegelt wird. Du hast das Beste aus beiden Welten für dich. Aber das ist kein Schema-F, sondern wie ich mich am wohlsten fühle. Weil man dann auch einfach mal kleinere Projekte annehmen kann aber auch vor größeren Projekten nicht zurückschrecken muss. Das finde ich irgendwie ganz cool. Ich habe Angst davor, zehn Leute hier sitzen zu haben, und dann zu nichts mehr Nein sagen zu können. Dann musst du die Zalando Projekte machen, dann musst du die McDonald Projekte machen. Deshalb mag ich diese „Core Satellit“ Ideen sehr. Ich kann dann auch Projekte für ein aufstrebendes Start-up oder ein aufstrebender Künstler machen und unterstützen, weil da kein riesen Apparat dran hängt, sondern das auch agil lösen kann. Die Bandbreite finde ich irgendwie spannend abzudecken.
< Sind es dann Leute in verschiedenen Design-Bereichen oder auch komplett aus ganz anderen Bereichen? Sind die dann auch selbstständig oder wie sieht das aus? >
< Manuel Steiner > Von bis. Es sind Psychologen dabei. Es sind Regisseure dabei. Ich will, dass sich das im besten Fall befruchtet. Ich mochte das schon während dem Studium nie unter so viel Gleichgesinnten zu sein. Man ist schnell in einer Bubble und wird klein-klein. Ich finde das immer sehr schwierig, weil man sehr engstirnig wird. Das will ich mit 27Bucks vermeiden. Deshalb ist das Team so breit wie möglich aufgestellt. Auch Leute aus der Soziologie, die man immer regelmäßig auch an Projekten ranholt, also wirklich ganz andere Bereiche. Aber natürlich auch 3D Animation, 2D Animation, Fotografie und so weiter.
< Ihr wart zu sechst, richtig? Wie habt ihr Aufgaben verteilt? Ich stell mir das zu zweit noch einfach vor, aber bei so einer Größe ist es bestimmt schwer, Aufgaben und Verantwortung gleich zu verteilen, oder? >
< Yvonne Moser > Ich weiß noch, das allererste Projekt haben wir alle zusammen gemacht. Jede:e hat automatisch irgendwie seine:ihre Rolle gefunden und eingenommen. Das Ergebnis war gut, aber rückblickend betrachtet war der Ablauf etwas chaotisch und nicht sehr effizient. Das war das erste und das letzte Projekt, an dem wir so zusammengearbeitet haben. Danach haben wir über Expertisen-, Verantwortungs- und Aufgabenverteilung nachgedacht. Administrative Aufgaben, also Finanzen und Buchhaltung, Versicherung oder Telefondienst aber auch interne Verantwortlichkeiten, wie Social Media und Websitepflege, haben wir versucht untereinander fair zu verteilen. Mit den Projekten sind wir immer mehr reingewachsen. Anfragen wurden nach Expertise und Kapazität verteilt, insofern das möglich war. Mit der Zeit kam noch mehr Administratives dazu, zum Beispiel, als wir Mitarbeitende einstellt haben. Dann war klar, wir brauchen eine Verantwortlichkeit für Mitarbeitende, Bewerbungen, Teamevents, Vertragliches etc. Irgendwann gab es auch ein Sales Team, das sich aktiv um Akquise gekümmert hat. So haben sich dann relativ schnell verschiedene Bereiche entwickelt. Natürlich hatten dann Einzelne von uns mit viel internen Aufgaben weniger Zeit für Projekte. Um das ausgleichen zu können, haben wir irgendwann ein flexibles Rollensystem entwickelt.
< Wie habt ihr dann die nicht gestalterischen Aufgaben aufgeteilt? >
< Yvonne Moser > Irgendwann haben wir ein Rollensystem aufgestellt. Ich weiß nicht, ob du Neue Narrative kennst? Das ist ein New- Work-Magazin, indem es um Organisationsstrukturen und Transformation geht. Die haben eine Plattform namens 9 Spaces und bringen immer wieder neue Workshop Tools raus, mit denen man sich besser organisieren kann. Daran haben wir uns orientiert und ein Rollenmodell erstellt. Auf einem Miroboard wurde jede einzelne Rolle aufgeschrieben, mit den Verantwortlichkeiten versehen und verteilt. Davor hatten wir einen großen Finance Bereich mit einer einzigen verantwortlichen Person. Mit dem Rollenmodell wurde das runtergebrochen in die Rollen Buchhalter:in, Finance Controller:in, Lizenz Expert:in, Abo Überblicker:in etc… So hatten wir einen viel besseren Überblick über das Gleichgewicht der Verantwortungen. Und bei Bedarf können Rollen umverteilt werden, wenn zum Beispiel jemand krank oder im Urlaub war oder generell umstrukturiert werden musste. Dafür haben wir Rollenkarten gemacht, auf denen stand dann genau, was deren Verantwortung ist.
< Habt ihr dann auch das Geld genau gleich aufgeteilt, oder? >
< Yvonne Moser > Ja, genau. Das haben wir immer gleich aufgeteilt. Deswegen sollte natürlich auch die Verantwortung gleich verteilt sein. Das ist aber nicht immer so einfach. Da muss man echt gucken, wie man das macht.
< Würdest du sagen, dass es leichter war, dadurch, dass ihr euch so gut kanntet und befreundet wart oder dass es in der Kommunikation dann eher schwieriger ist, solche Themen anzusprechen? >
< Yvonne Moser > Wenn man harmoniebedüftig ist, dann ist es natürlich schwierig, wenn man gewisse Sachen ansprechen muss. Da wächst man aber auch rein. Gewaltfreie Kommunikation ist da mega wichtig. Wir haben schon immer versucht, Lösungsorientiert miteinander zu sprechen. Unter Freunden kennt man sich, man weiß, wie man tickt. Das ist schon von Vorteil, aber klar, das kann natürlich auch ein Nachteil sein, weil man sich vielleicht nicht traut Sachen anzusprechen. Das kommt total auf die Person an. Aber ja, Kommunikation ist ultra wichtig vor allem auch bei mehreren Standorten. Man kriegt nicht so viel mit von der anderen Seite und sieht nicht, wenn die andere Person Überstunden machen muss. Wenn es im selben Büro wäre, würde man es mitbekommen und fragen wie man helfen kann. Also Communication is key.
< Was würdest du deinem jüngeren Designer-Ich gerne sagen? >
< Andrea Ihl > Dass ich mehr drauf hab’, als ich je erwartet habe.
< Wenn du heute als junger Designer nochmals starten würdest: was würdest du anders machen? >
< Andreas Uebele > würde alles genauso machen: die ganzen fehler wiederholen, die arbeit zu spät beginnen, die nächte durcharbeiten, den zufall mitspielen lassen.
< Hast du dann früher auch unbezahlte Projekte gemacht, wenn es sich für die „Erfahrung“ lohnt? >
< Vivien Hoffmann > Ja, hab ich auf jeden Fall auch gemacht. Dem stehe ich jetzt kritisch gegenüber. Ich hab‘s auf jeden Fall gemacht, weil ich irgendwie auch nicht gesehen hab, dass es da einen Weg drum rum gibt. Aber mittlerweile ist das genau was du gesagt hast. Man macht es dann und damit drücke sich die Preise runter. Da kommt es eben auch drauf an. Es ist was anderes, wenn man für eine befreundete Person ein Logo macht. Das finde ich geht klar. Aber sobald man für ein etabliertes Studio arbeitet oder für Leute die eigentlich Kohle haben und einen ausbeuten wollen, dann würde ich nicht mitmachen. Ich habe mal eine Anfrage bekommen, die wollten für eine Kampagne ein Lettering von mir haben. Ich dachte mir erst: „Wie geil ist das denn?!“ Und bin mit denen ins Gespräch gegangen. Es musste natürlich direkt passieren, also ich hätte Wochenenden durcharbeiten müssen – Arbeitsbedingungen schon mal für die Katz. Die hatten total High Expectations und wollten dann, ich weiß es nicht mehr genau, nur so 2000 Euro bezahlen. Das war komplett out of comportion für diesen Arbeitsumfang. Das sollte dann noch globally verwendet werden, dass die damit keine Ahnung, wie viel Kohle machen. Dann habe ich echt mit mir gerungen, weil ich dachte, soll ich es jetzt trotzdem machen, damit ich diesen Namen in meinem Portfolio habe? Das zieht dann ja auch andere Clients an und wäre voll der Flex. Ich habe es dann aber nicht gemacht, weil ich es echt nicht eingesehen habe, dass gerade diese big Clients sich so darauf ausruhen, dass sie irgendjemanden finden werden, der es für so wenig Geld macht. Dann dachte ich mir ne scheiß drauf. Das ist so ein Beispiel dafür und das bereue ich auch eigentlich nicht.
< Aber voll spannend, dass du jetzt noch Produktdesign machst. Arbeitest du gerne analog? Würdest du sagen, dass das auch für die Arbeit von Designern:innen essentiell ist, dass man weg vom Laptop kommt? >
< Vivien Hoffmann > Also ich glaube, da hat jeder so seinen eigenen Ansatz. Bei mir trifft es auf jeden Fall zu. Gerade in einer Konzeptphase oder wenn ich erste Skizzen mache, muss ich das analog machen. Das geht mir digital einfach nicht so von der Hand. Ich finde auch, dass beim analogen Arbeiten oft sehr spannende unbeabsichtigte Sachen passieren. Ich arbeite mit Collagen und eigentlich ganz unterschiedlichen Materialien, bei denen man manchmal von Anfang an gar nicht absehen kann, wie die sich verhalten oder in welche Richtung es geht. Das übersetze ich dann zurück ins Digitale und mag es ganz gerne in einem Ping-Pong mit verschiedenen Materialitäten und Gestaltungstools zu sein. Ich merke, dass Schriftgestaltung mir Spaß macht, ich aber keine Lust habe, nur Schrift zu gestalten. Diese Visual Language lässt sich irgendwie gut übersetzen in andere Dinge, Objekte, Möbel und Skulpturen und ich merke, dass ich sich diese unterschiedlichen Disziplinen gegenseitig voll gut informieren können und dass ich einen produktiveren Output habe, wenn ich an verschiedenen Projekten und unterschiedlichen Disziplinen arbeite, als wenn ich fünf Brandings gleichzeitig mache.
< Wann, warum und wie habt ihr euch einen Büroraum gesucht? >
< Matter Of > Designer:innen können zwar auch im Kollektiv von Zuhause arbeiten, aber aus unserer Sicht sollte nicht unterschätzt werden, wie ein gemeinsamer Raum für soziale Interaktion und Identifikation einen Unterschied machen kann. Zuerst waren wir in einem günstigen Raum neben Marcels damaliger Wohnung, sind dann aber schnell in ein Gemeinschaftsbüro umgezogen, was für uns damals sehr gut gepasst hat. Es war nicht zu teuer, wir hatten einen gemeinsam genutzten Besprechungsraum für Kund:innen und die Infrastruktur von Küche, Kaffeemaschine usw. war alles vorhanden. Ab einem gewissen Punkt waren uns die Räumlichkeiten dort aber einerseits zu klein und andererseits wollten wir unser Umfeld selbst gestalten, sodass wir etwas Eigenes gesucht haben. Wir hatten Glück, nach langer Suche ein eigenes kleines Häuschen zu finden.
< Was waren für dich die größten organisatorischen Herausforderungen beim Aufbau des Büros – jenseits des kreativen teils? >
< Andreas Uebele > ich habe das verwalten der projekte total unterschätzt, also das anlegen von projektnummern und die korrekte, systematische bezeichnung von daten. und mir war nicht klar, dass es sinnvoll ist,verantwortung zu teilen. außerdem habe ich erst so nach und nach verstanden, dass jedes einzelne detail, von der telefonanlage über die richtige kaffeemaschine bis hin zur datensicherung nicht nur einen einfluss auf die atmosphäre im büro, sondern auch auf organisatorische belange hat.
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