< Interview 002 >
< Name > Andreas Uebele
< Jobposition > Designer & Professor
< Based in > Stuttgart
< Date > 06/11/2025
< ML > Gab es in deinem Studium in Stuttgart einen besonderen Moment oder ein Projekt, das deinen beruflichen Weg entscheidend geprägt hat?
< AU > die plötzliche erkenntnis: arbeiten macht spaß. und weiter: viel arbeiten macht noch mehr spaß. und am schönsten, weil so einfach: richtig viel arbeit führt zu einem richtig guten ergebnis.
< ML > Wie hast du den Übergang vom Studium ins Berufsleben erlebt?
< AU > hochschulen sind manchmal wirklichkeitsfern und elitär. die berufliche realität war mir deshalb sehr recht.
< ML > Welche Fähigkeiten oder Erfahrungen aus dem Studium waren rückblickend besonders wertvoll – und was hättest du dir zusätzlich gewünscht?
< AU > im studium der architektur und städtebau lernt man struktur, die tiefe durchdringung von komplexen sachverhalten und einen ganzheitlichen blick auf problemstellungen. davon profitiere ich heute noch. gewünscht hätte ich mir mehr persönliche ansprache von lehrenden.
< ML > Welche Rolle spielte dein persönliches Portfolio in den ersten Jahren?
< AU > a yo, mein portfolio. ich war so froh. und so stolz, oho.
< ML > Was war der ausschlaggebende Punkt für die Gründung des büro uebele?
< AU > tja, ich brauchte halt geld. und was, bitteschön, hätte ich denn machen sollen? ich kann nur das: dinge schönschwätzen und kritzikratzi mit dem stift. außerdem wollte ich selbstbestimmt arbeiten und keine kompromisse bei gestalterischen entscheidungen eingehen müssen.
< ML > Wie hast du die ersten Kund:innen gewonnen und welche Rolle spielen Kontakte/Beziehungen dabei?
< AU > kundenakquise ist eine schöne lektion in demut: brauchen sie nicht, äh, einen katalog? oder vielleicht eine visitenkarte? nein? ähm, vielleicht … aha. ok, gut. danke trotzdem. beziehungen zu irgendwem hatte ich nämlich keine. dafür aber auch sehr wenig hemmungen.
< ML > Gab es bestimmte Risiken oder Rückschläge in der Anfangsphase, aus denen du heute wichtige Erkenntnisse ziehst?
< AU > schmerzhaft war die erkenntnis, dass man honorare versteuern muss. das geld, das reinkommt, gehört einem also nur zum teil – das war mir nicht so ganz klar, was total irre, aber im nachhinein auch total lustig ist.
< ML > Was waren für dich die größten organisatorischen Herausforderungen beim Aufbau des Büros – jenseits des kreativen Teils?
< AU > ich habe das verwalten der projekte total unterschätzt, also das anlegen von projektnummern und die korrekte, systematische bezeichnung von daten. und mir war nicht klar, dass es sinnvoll ist, verantwortung zu teilen. außerdem habe ich erst so nach und nach verstanden, dass jedes einzelne detail, von der telefonanlage über die richtige kaffeemaschine bis hin zur datensicherung nicht nur einen einfluss auf die atmosphäre im büro, sondern auch auf organisatorische belange hat.
< ML > Woher wusstest du wie viel Geld du (für einen bestimmten Job) bekommen musst/solltest?
< AU > honorare kalkuliere ich damals wie heute mit einer einfachen methode: wir schreiben eine zahl auf ein papier. dann die probe: fühlt sie sich gut an? nein? darfs ein bisschen weniger sein?
< ML > Wie hat sich das Bepreisen von Projekten zu damals verändert?
< AU > früher wie heute gilt: gute arbeit von hoher qualität ist IMMER teurer als die billo-variante. manche auftraggeber wollen aber genau das: die (vermeintlich) günstige lösung. andere sehen den unterschied, die nachhaltigkeit, die qualität, die schönheit. und schönheit kostet nunmal.
< ML > Nach welchen Kriterien entscheidest du, ob du ein neues Projekt annimmst?
< AU > ich halte diese moraldebatte im design für unehrlich. der kunstbetrieb zum beispiel, für den alle designer*innen immer so gerne arbeiten wollen, ist in wirklichkeit eine üble branche. er ist würdelos, selbstausbeuterisch und frauenfeindlich. da arbeite ich doch lieber für einen finanz- oder einen industriekonzern, der uns in aller regel ordentlich bezahlt und meistens auch respektvoll behandelt.
< ML > Nach welchen Kriterien wählst du Mitarbeiter:innen aus?
< AU > ich wünsche mir zuverlässigkeit, freundlichkeit und sensibilität. und pro person eine ecke oder eine kante.
< ML > Was erwartest du von jungen Designer:innen, die sich bei dir bewerben?
< AU > bewerber*innen sollten den namen unseres büros richtig schreiben, das klappt nicht immer. eine seriöse anrede, ein professionelles portfolio, kein download-link, sondern ein kleines pdf im anhang, interessante projekte und eine erkennbare persönlichkeit erhöhen die chancen.
< ML > Welche Empfehlungen hast du für Designer:innen, die gerade das Studium abgeschlossen haben?
< AU > von generellen empfehlungen halte ich wenig. man muss einfach loslegen, anfangen und machen (haha, doch noch eine empfehlung).
< ML > Was sollte man bei der Entscheidung zwischen Festanstellung und Selbstständigkeit beachten?
< AU > lieben sie geregelte arbeitszeiten? können sie anweisungen befolgen? auch dann, wenn sie unsinnig sind? möchten sie eine ausgeglichene work-life-balance haben? wollen sie sich über geld keine gedanken machen müssen? oder sind sie insgeheim ein diktator/eine dikatorin? machen sie gerne fehler? sind sie gerne auch am wochenende im büro? möchten sie reich und berühmt werden? wollen sie in der ersten reihe stehen? sind sie geltungsbedürftig?
< ML > Was sind typische Fehler, die du immer wieder bei Berufsanfänger:innen beobachtest?
< AU > anfängerfehler – gibt es das überhaupt? und sind sie der rede wert? ist es nicht selbstverständlich, dass am anfang probleme auftauchen? von „typischen fehlern am berufsanfang“ zu sprechen offenbart einen negativen blick auf eine unternehmenskultur. als anfänger*in gibt man sich doch besonders mühe und mit etwas erfahrung macht man dann typische »altersfehler« wie: das hatten wir doch schon! also: egal, wurscht, vergessen. fehler sind oke.
< ML > Welche Rolle spielen Netzwerke, Praktika und Wettbewerbe deiner Erfahrung nach beim Berufseinstieg?
< AU > ja, klar: überall hingehen, sich alles anhören, miteinander reden, alles lesen, alles anschauen, überall mitmachen.
< ML > Wie hat sich dein Arbeitsalltag durch digitale Tools, generatives Design & Ki verändert?
< AU > gutes design entsteht unabhängig von den werkzeugen. qualität, menschlichkeit und erzählung entsteht durch nachdenken – das kann man nicht an geräte delegieren.
< ML > Wenn du heute als junger Designer nochmals starten würdest: was würdest du anders machen?
< AU > ich würde alles genauso machen: die ganzen fehler wiederholen, die arbeit zu spät beginnen, die nächte durcharbeiten, den zufall mitspielen lassen.