< Interview 003 >
< Name > Manuel Steiner
< Jobposition > Freelancer and Founder of 27bucks
< Based in > Berlin
< Date > 06/11/2025
< LN > Wie hat das bei dir angefangen? Ich glaube, du hast Industriedesign studiert, richtig? Warst du nach deinem Studium direkt in der Industriedesign-Berufswelt tätig oder hast du freiberuflich gearbeitet?
< MS > Genau, das war Industriedesign, beziehungsweise Produktgestaltung in Schwäbisch Gmünd. Bis auf ein Pflichtpraktikum habe ich nie wirklich in dem Bereich gearbeitet, weil ich das aber auch sehr schwierig in dem Bereich finde. Für mich war es immer klar, dass es was Selbstständiges wird, dass es was Unabhängiges wird. Als Industriedesigner wenn wir über Möbel reden, ist es extrem schwierig, Fuß zu fassen, wenn man jetzt nicht gerade einen Geldtopf unter dem Baum findet. Deshalb war es für mich schon von vornherein klar, dass das eine schöne Leidenschaft ist, aber ich es nie wirklich zum Beruf machen wollen würde. Ich hab dann damals schon mit Klamotten angefangen. Ich habe sehr viel im Bereich Mode, schon im Studium gemacht und auch verkauft. Das lief relativ gut. Da war schon eine Nachfrage da und das hat mir bis heute sehr viele Türen geöffnet.
Irgendwann bin ich dann auch rausgewachsen, T-Shirts, Hoodies, Prints oder Klamotten zu gestalten und zu verkaufen. Dann wurde das mehr zum Vertrieb und gar nicht mehr so richtig kreativ und deshalb ist dann 27Bucks daraus entstanden. Als Studio, Boutique, Agentur sozusagen um das weiterzuführen. Das war ein fließender Übergang mit dem Ende des Studiums.
< LN > Also das heißt, du hast eigentlich direkt danach 27 Bucks gegründet?
< MS > Ja, schon währenddessen, also in den letzten Semestern.
< LN > Was war denn deine Motivation, dass du etwas Eigenes gründen möchtest und gar nicht mehr im Industriedesign-Bereich bleiben möchtest?
< MS > Was war die Motivation? Ich glaube, mit Selbstständigkeit kommt auch viel Freiheit, was für mich einfach persönlich wichtig ist. Auch Eigenverantwortung finde ich schön. Erfolge sind größere Erfolge aber auf der anderen Seite sind Misserfolge auch größere Misserfolge. Das hat mich sehr gereizt. Und dann ging die ein oder andere Tür auf. Deshalb war dann auch für mich klar, dass ich das weiter verfolge. Ich habe etwas gefunden, was natürlich ein großes Privileg ist, was mir extrem viel Spaß macht. Was sich oft gar nicht so richtig nach Arbeit anfühlt im Idealfall und dann geht man auch gerne die extra Meter. Dann fallen einem so manche Hürden auch ein bisschen leichter.
< LN > Was viele interessiert, die in die Selbstständigkeit starten wollen ist, wie kommt man an Projekte? Ist das zufällig oder würdest du sagen, da spielt persönliche Connection eine Rolle? Social Media? Ist das eine Mischung aus allem?
< MS > Wenn ich das wüsste. Also ich selber bin extrem schlecht in Sales, also das was die Kundenakquise angeht, weil ich mich nicht selber verkaufen möchte. Das fällt mir immer schwer und ich muss mich dazu zwingen. Ich glaube, da gehört auch einfach viel Glück dazu aber auch viel Beharrlichkeit und Beständigkeit. Dir werden immer Steine in den Weg gelegt werden. Manchen mehr, manchen weniger, aber dass man da nicht aufgibt und dran bleibt und einen langen Atem mitbringt. Ich glaube, das hilft. Und präsent zu sein, auf welche Art und Weise. Vor allem für junge Leute: Shared eure Sachen. Ich versuche auch immer meine Sachen zu teilen. Es gibt nichts, womit ich 100% happy bin. Gar nichts. Also wenn es danach gehen würde, könnte ich auch gar nichts in die Welt tragen. Das braucht immer Mut, die eigenen Sachen zu teilen, auch wenn man nicht 100% happy ist. Auch wenn was schiefgegangen ist. Das ändert sich nie. Es fehlt immer an irgendwas ob an Zeit, Geld, an Leuten oder an Verständnis. Aber es hilft auf jeden Fall, das trotzdem zu teilen. Auch wenn das nicht deinem Standard entspricht, für jemand anders ist es etwas ganz ganz tolles. Auf welche Art und Weise auch immer, ob über Instagram oder eine Ausstellung, die Welt teilhaben zu lassen, ich glaube, das ist schon auch ein wichtiger Teil des Prozesses.
< LN > Ich glaube auch, dass dieses nach Außen tragen schon ein wichtiger Bestandteil dessen ist. Kuratierst du dann, was du zeigst? Inwieweit sortiert man die Projekte aus, die vielleicht mehr Cash reinbringen aber vielleicht nicht so visually pleasing sind? Oder hast du schon einen Standard, du willst auf jeden Fall nur die Sachen machen, die auch zu dir und deinem Style passen?
< MS > Klar könnte man jetzt sagen „Nein, das ist alles idealistisch.“ Aber so ist es nicht. Ich glaube, das ist auch Teil der Realität. Ich habe damit auch gar kein Problem. Für mich ist ein gewisser kommerzieller Erfolg auch wichtig. Das merke ich mit den Künstlern, mit denen ich zusammen arbeite, was ja trotzdem sehr kulturell ist. Trotzdem finde ich das schön, wenn sie in den Charts auf Platz 1 landen oder vor 5000 oder 15.000 Leuten spielen. Das reizt mich dann schon auch irgendwie, die kommerzielle Seite zu sehen. Oder wenn Apple eine Anfrage schickt, dann ist das schon auch schön. Auch wenn das Ergebnis, eher zweitrangig ist oder Mediocre. Es gibt nicht das perfekte Projekt, das Geld, genug Zeit und Aufmerksamkeit gibt. Das gibt es in seltenen oder gar keinen Fällen, wo du alle drei Dinge abhaken kannst.
< LN > Aber hast du dann trotzdem Faktoren, die deine Auswahl beeinflussen, welche Aufträge oder Projekte du annimmst?
< MS > Ja, also es gibt natürlich Sachen, die einfach per se nicht gehen. Also was moralisch einfach nicht zu meinem Kompass passt. Zum Beispiel, wenn es zu schnelllebig ist. Ich mag es gerne mit Kunden sehr langfristig zu arbeiten. Das kommt aus einer Vorliebe, wie ich meine Arbeit verstehe und wie ich auch am besten funktioniere. Deshalb weniger Kampagnen und weniger Warm Off, die nur kurzfristig gedacht sind. Da bin ich nicht gut drin. Deshalb mag ich das auch, wenn Kunden das verstehen und das ist vielleicht auch das erste Auswahlkriterium – neben der moralischen Ebene natürlich – dass es eine langfristige Partnerschaft ist. Dass wir über 2, 3, 4, 5 Jahre reden und da gemeinsam etwas entwickeln und immer wieder neue Sachen entwickeln. So kann man Projekte viel größer wachsen lassen. Dann hast du auch einen größeren Hebel als Gestalter, als Designer wenn wir das langfristig machen und dadurch einen größeren Effekt haben. Das macht ja dann auch mehr Spaß.
< LN > Wann hast du 27Bucks gegründet vor zehn Jahren?
< MS > Ja vor so 10, 11 Jahren.
< LN > Findest du, innerhalb dieser Zeit hat sich der Designberuf verändert? Also, in dem was man gestaltet und wie man gestaltet? Siehst du einen Wandel im Beruf?
< MS > Ich meine klar, also in den letzten 1, 2, 3 Jahren natürlich mit AI. Das ändert viel und es wird auch noch viel ändern. Gerade in der Ausarbeitung und in wiederkehrenden Arbeiten ist es natürlich extrem. Auch im Ideation-Prozess. Das ist nicht vergleichbar mit anderen Sachen, die sonst die letzten 10 Jahre passiert sind. Ich glaube die Entscheidung, ob man Generalist oder Spezialist wird ist noch wichtiger geworden. Ich bin ein Generalist, ganz klar. Mein Interessengebiet ist einfach breiter. Mal Fotos, mal Video, mal ein bisschen mehr Grafik und das auch alles miteinander zu verbinden. Das finde ich auch wenn ich mit Leuten zusammen arbeite, das sind die spannendsten Professionals oder die spannendsten Talente, weil es dann weniger eingeengt ist. Wenn man sich jetzt die Entwicklung von AI anschaut glaube ich auch, dass man als Generalist ein bisschen besser aufgestellt ist, als ein Spezialist. Bei Spezialisierung wird natürlich auch AI viel besser, sobald es detailreich und granular wird ist natürlich auch die Maschine teilweise präziser und besser. Das muss man leider auch sagen.
< LN > Das stimmt. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass mehr Leute versuchen, in einem Bereich spezialisiert aufgestellt zu sein aber ich persönlich finde es schwierig, mich auf eine Sache festzulegen. Ich glaube auch, dass Interdisziplinarität immer mehr eine Rolle spielt, oder? Was sagst du?
< MS > Voll. Man kann da drüber streiten, wahrscheinlich liegt die Wahrheit auch irgendwo in der Mitte, was zukunftssicherer ist oder womit man besser aufgestellt ist. Am Ende des Tages geht es, glaube ich, darum, was dir persönlich einfach am meistens Spaß macht. Es gibt natürlich Typografie-Nerds, die extrem krass und in die Vertikale gehen können. Denen links und rechts, Sachen egal sind und das ist ja auch fair. Wenn es dir Spaß macht, dann sollst du das ja auch machen. Wenn man „erfolgreich“ sein will dann ist es schon mal das erste: mach das was dir Spaß macht. Dann fällt dir das alles auch viel, viel einfacher und im Idealfall, wenn du ein bisschen Glück und Talent mitbringst, werden die Leute auf dich aufmerksam und da werden dann auch Aufträge kommen und es wird eine Nachfrage da sein. Aber wenn du jetzt eher generealistisch denkst und eher mal was ausprobieren willst und das vielleicht irgendwann alles miteinander verbinden willst, dann wär es ja quatsch zu sagen „Konzentriere dich bitte auf eine Sache und werde da ein Spezialist drin.“ Ich glaube, das ist typ-abhängig.
< LN > 27Bucks machst du das eigentlich alleine? Oder seid ihr ein Team?
< MS > Ja, das ist ein Team. Aber streng genommen bin es eigentlich nur ich. Ich nenne das „Core Satellite“. Ich habe ein Core-Team aus Leuten, mit denen ich regelmäßig zusammen arbeite. Es gibt kein Projekt, wo ich alleine dran arbeite beziehungsweise nur in sehr seltenen Fällen. Ich finde das als neues Modell für eine Agentur irgendwie ganz spannend. Wie gesagt, ich versuche immer für mich das Beste oder das Sinnvollste zu machen, auch wenn es dann noch ungewöhnlich oder schwierig zu erklären ist. Aber so kannst du als Agentur, so wird es mir auch von Kunden immer gespiegelt, einerseits große Projekte machen, weil du trotzdem deinen Core-Team, dein Netzwerk hast. Auf der anderen Seite hast du aber trotzdem die Agilität und den persönlichen Kontakt zu den Kunden, was auch immer als extrem wichtig von Kunden gespiegelt wird. Du hast das Beste aus beiden Welten für dich. Aber das ist kein Schema-F, sondern wie ich mich am wohlsten fühle. Weil man dann auch einfach mal kleinere Projekte annehmen kann aber auch vor größeren Projekten nicht zurückschrecken muss. Das finde ich irgendwie ganz cool. Ich habe Angst davor, zehn Leute hier sitzen zu haben, und dann zu nichts mehr Nein sagen zu können. Dann musst du die Zalando Projekte machen, dann musst du die McDonald Projekte machen. Deshalb mag ich diese „Core Satellit“ Ideen sehr. Ich kann dann auch Projekte für ein aufstrebendes Start-up oder ein aufstrebender Künstler machen und unterstützen, weil da kein riesen Apparat dran hängt, sondern das auch agil lösen kann. Die Bandbreite finde ich irgendwie spannend abzudecken.
< LN > Sind es dann Leute in verschiedenen Design-Bereichen oder auch komplett aus ganz anderen Bereichen? Sind die dann auch selbstständig oder wie sieht das aus?
< MS > Von bis. Es sind Psychologen dabei. Es sind Regisseure dabei. Ich will, dass sich das im besten Fall befruchtet. Ich mochte das schon während dem Studium nie unter so viel Gleichgesinnten zu sein. Man ist schnell in einer Bubble und wird klein-klein. Ich finde das immer sehr schwierig, weil man sehr engstirnig wird. Das will ich mit 27Bucks vermeiden. Deshalb ist das Team so breit wie möglich aufgestellt. Auch Leute aus der Soziologie, die man immer regelmäßig auch an Projekten ranholt, also wirklich ganz andere Bereiche. Aber natürlich auch 3D Animation, 2D Animation, Fotografie und so weiter.
< LN > Ich glaube, was auch viele junge Designer:innen interessiert, ist natürlich das Thema Geld. Ich glaube, es ist schwierig und ich höre das auch immer wieder, dass viele gar nicht wissen, was kann ich eigentlich für meine kreativen Leistungen verlangen. Wie hast du das früher gemacht? Wie machst du das heute? Gibt es einen Tagessatz, an den man sich halten kann? Wie hat man einen Plan davon, was seine Arbeit wert ist? Ich habe das Gefühl, dass Price-Dumping dadurch entsteht, dass Designer:innen nicht wissen, was sie verlangen können und nicht selbstbewusst mit ihren Preisen sind. Deswegen gibt es dann immer eine Person, die es billiger macht. Hast du da irgendwie Tipps oder wie machst du das?
< MS > Da hast du vollkommen recht, also das ist ein Riesenproblem. Bis heute ist das natürlich super schwierig, kreative Arbeit zu bemessen. Wie du sagst, geht es viel um Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Also ich kann nur sagen, wie ich es gemacht habe. Einerseits: ich habe keinen Tagessatz. Ich habe auch keinen Stundensatz. Klar, muss man schon mal irgendwie grob runterbrechen, was man verdienen will und sollte da auch nicht drunter kommen. Aber ich biete das Kunden nicht an. Aus Prinzip nicht, weil ich nicht will, dass Geld gegen Arbeit getauscht wird. Dann könnte ich auch angestellt sein. Dann wird auch Effizienz nicht mehr wirklich belohnt, weil dann könnte ich mir drei Stunden mehr Zeit nehmen und dann werde ich für drei Stunden mehr bezahlt, was für niemanden gut ist. Das habe ich schon mal versucht zu entkoppeln und biete immer Flat fees, also Pauschalen an. Wie du auf diese Pauschale kommst, da habe ich natürlich schon auch ein bisschen überlegt wie viel Zeit brauche ich dafür und so weiter. Aber ich habe es nicht den Kunden kommuniziert, damit da kein Verhandlungsspielraum für das Zeitliche ist, sondern das ist eher so, hier das ist das Menü und das Menü kostet das. Das finde ich wichtig, das zu entkoppeln und dann kann man auch wenn man wächst, mal mehr Menüpunkte oder eine Pauschale dazutun. Ob man dann am Ende mit mehr Geld rauskommt oder weniger, i don't know wahrscheinlich plus, minus, dasselbe. Aber man entkoppelt das so ein bisschen von der Zeit. Für mich selber war das hilfreich, das nicht als Tauschgeschäft zu sehen, sondern eher, ihr bekommt die Ergebnisse und den Prozess und mich als Partner und das kostet das. Egal wie lange wir brauchen, mehr oder weniger. Und das natürlich schon auch mit Feedbackschleifen zu koppeln. Immer maximal Feedbackschleifen anzugeben, dass man auf der sicheren Seite ist. Wenn wir noch mal eine Runde drehen wollen, dann kostet das X aber entkoppelt von der Zeit. Die richtige Höhe zu finden ist schwer. Es muss ein bisschen unangenehm sein. Einfach viel Bauchgefühl. Also es hängt natürlich vom Kunden ab, von deiner Situation und so vielen Faktoren wie Umfang des Projekts und so weiter. Irgendwann kriegt man da glaube ich ein gutes Bauchgefühl. Und dann setzt man irgendwann ein bisschen was drauf, einfach auch für Verhandlungsspielraum. Und dann Augen zu und durch.
< LN > Ab welchem Punkt hattest du dann das Selbstbewusst sagen, jetzt kann ich mehr verlangen? Am Anfang, verlangt man noch nicht so viel wie dann später irgendwann. Gab es da einen Punkt oder hat sich das eher organisch entwickelt?
< MS > Ich glaube, das entwickelt sich ganz automatisch, weil du auch älter wirst. Du wohnst nicht mehr in einer WG. Deine Kosten werden mehr. Du hast vielleicht ein eigenes Büro, du willst vielleicht nicht nur in Europa reisen. Dein Lebensstandard geht einfach ein bisschen hoch. Das passiert automatisch mit dem Alter. Mit Mitte 20 ist es nicht mehr so wie Mitte 30. Und deshalb ist es natürlich auch okay, mehr Geld zu verdienen. Dann kann ich das gar nicht mehr für den Preis anbieten, den ich vielleicht mit Anfang 20 angeboten habe. Man lernt aus verschiedenen Situationen. Ich hatte das erst vorgestern. Es ging um ein Logo, das ich für jemanden gemacht haben und das jetzt für andere Verwendungszwecke benutzt wird. Das war 2017, 2018, also schon lange her. Damals wurde das Projekt nicht zu Ende geführt. Man ging getrennte Wege. Wir haben eine Summe X ausgemacht und die Dateien ausgetauscht. Da ist der Fehler, ich habe gesagt: „Ihr könnt das für alles weiter benutzen“. Ich wollte das damals auch einfach abhaken. Dann wird bezahlt, was bis dahin geleistet wurde. Jetzt 7, 8 Jahre später, ist das Logo sehr verbreitet hier in Deutschland und jetzt dachte ich wait a minute, eigentlich war das ein vergleichsweise kleiner Betrag. Daraus lernt man natürlich. Warum schreibe ich proaktiv, dass ihr das für alles benutzen dürft? Also vorsichtig sein mit solchen Formulierungen. Am besten lernt man das natürlich, wenn man es falsch macht.
< LN > Ich wollte gerade sagen, man muss da wahrscheinlich einmal dann durch.
< MS > Ja, das ist so. Ich glaube dafür sind auch die 20er da. Einfach auf die Schnauze fallen und Sachen ausprobieren. Auch mal Projekte zu billig machen. Nächstes Mal lernt man daraus und dann macht man es ein bisschen teurer.
< LN > Generell ist Fehler machen und Scheitern sehr negativ behaftet. Keiner will schlechtes Design machen, Fehler begehen. Alle wollen die fancy, coolen Instagram Projekte haben, die perfekt sind. Dadurch entsteht so viel Druck überhaupt was anzufangen. Ich glaube generell ist Scheitern ein großes Thema, was gerade alle irgendwie versuchen zu umgehen. Aber du würdest wahrscheinlich auch sagen, scheitern ist wichtig in dem Bereich, oder?
< MS > Voll. Nobody is perfect. Kein Projekt ist perfekt. Kein Design ist perfekt. Und wie gesagt, ich hatte das in den 10, 15 Jahre, in denen ich das mache, noch nie. Irgendwas fehlt immer. Deshalb ist es auch so wichtig, sich da irgendwie von zu befreien. Das war bei mir von Anfang an auch nicht so, das braucht einfach so ein bisschen, das kommt mit der Zeit automatisch. Auch gesund damit umzugehen und sich nicht zu viel mit anderen zu vergleichen ist wichtig. Manche Leute haben auch einfach mehr Glück, mehr Chancen. Manche sind auch einfach fleißiger oder haben ein bisschen mehr Talent oder whatever. Seinen eigenen Weg zu finden und sich unvergleichbar zu machen, das ist doch das schöne. Dann macht es auch mehr Spaß und es ist egal, ob der eine mehr Likes hat oder mehr Follower das ist dann zweitrangig.
< LN > Gibt es Perspektiven, die du für die zukünftige Generation für Designer:innen siehst vor allem im Spannungsfeld von Gestaltung und gesellschaftlicher Verantwortung. Also siehst du da irgendwie eine Wichtigkeit drin oder trennt man das komplett, was für Impact vielleicht auch Gestaltung haben kann?
< MS > Okay, wo fange ich an? Ich glaube, ich bin da schon sehr von Bauhaus und HfG Ulm geprägt. Max Bill, Ottl Aicher, Geschwister Scholl. Wenn man sich einmal in die Beweggründe von HfG Ulm ein bisschen reinfuchst, dann hat das eine Tragweite. Es geht darum, gesellschaftlich in vielen Dingen versagt zu haben. Jetzt müssen wir auch andere Sachen, also wie wir Dinge gestalten und entwickeln auch hinterfragen. Wie man mit Leuten umgeht und wie man seine Umwelt gestaltet – auch im Thema Nachhaltigkeit. Das geht Hand in Hand, finde ich. Wenn man sich dazu separiert, dann ist man schnell in einem oberflächlichen Bereich. Das ist für mich nicht interessant, weil es austauschbar ist. Gesellschaftliche Themen, soziale Themen, nachhaltige Themen oder psychologische Themen - das ist spannend. Das ist auf jeden Fall miteinander verkoppelt. Mir hilft es dann immer nach Ulm zu schauen, weil das ist mit den Geschwister Scholl natürlich as big as it gets, was soziale Verantwortung angeht. Da ist schon ein großer Brocken geliefert worden. Letztendlich geht es ja auch beim Bauhaus darum, dass man das nicht komplett entkoppelt. Nur HfG Ulm hat es ein bisschen besser gemacht.
< LN > Hast du abschließend irgendeinen Tipp an Studierende, die kurz vor dem Abschluss stehen? Hättest du im Nachhinein was anderes gemacht? Anything you want to spread out to the world.
< MS > Just do it. Ich glaube, das Wichtigste ist wirklich, mit den ganzen Noises, die junge Leute haben, mit Erwartung von den Eltern, finanzieller Druck, Social Media, Erwartungshaltung aus anderen Ecken: finde was dir am meisten Spaß macht. Dann wird es da ein Weg geben. Wenn man dran bleibt, Lust drauf hat, und Ehrgeiz hat, das zu machen, dann wird da die ein oder andere Tür aufgehen, womit man auch Geld verdienen kann. Das ist das Wichtigste, was du als junge Person machen kannst. Das heißt einfach auch Sachen ausprobieren, auf die Schnauze fliegen, Sachen falsch zu machen. Unbedingt sogar. Das macht jeder. Man redet vielleicht ein bisschen zu wenig darüber. Und dann einfach weiter machen. Wenn es dann nach einem halben Jahr wieder ein bisschen was anderes, ist, dann ist es so. Dann ist es dein Weg. Es gibt nicht das Schema-F. Es gibt große Vorbilder, gerade im Design, gerade Guidelines und Richtlinien und so weiter. Aber manchmal ist es auch schön, damit zu brechen und seine eigene Nische darin zu finden. Ich glaube, das ist das Wichtigste überhaupt. Alles andere fällt dann auch leichter. Um das geht es ja letztendlich. Wir wollen ja das Leben jetzt nicht schwerer machen, sondern das Leben leichter machen am Ende des Tages.