< Interview 004 >
< Name > Vivien Hoffmann
< Jobposition > Freelancer
< Based in > Berlin
< Date > 07/11/2025
< LN > Wir beschäftigen uns mit den ausgeblendeten Seiten des Designberufs und wollen für junge Designer:innen Antworten auf all ihre Fragen bereitstellen. Deswegen wollte ich dir ein paar Fragen stellen, weil ich deine Arbeiten sehr, sehr inspirierend finde. Wie hat es denn bei dir eigentlich angefangen? Du hast auch in Düsseldorf studiert, oder?
< VH > Ich habe vor 9 Jahren meinen Bachelor in der FH gemacht. Soll ich dir einfach erzählen, wie das so abgelaufen ist nach dem Studium?
< LN > Ja genau, ich glaube viele würde interessieren, wie der Einstieg in die Berufswelt war, beziehungsweise der Übergang vom Studium.
< VH > Ich bin während des Bachelorstudiums nach Berlin gezogen und habe dann von hier aus das Studium fertig gemacht. Ich hatte das Glück, dass ein Professor Connections zu einem Designstudio hatte und mich empfohlen hat. Da habe ich direkt eine Vollzeitposition als Junior Grafikdesignerin bekommen. Das hört sich erst mal nice an, aber es war eigentlich ein kompletter Albtraum. Wenn ich mir meinen Stundenlohn runtergerechnet habe, bin ich auf 7 Euro die Stunde gekommen. Ich habe glaube ich 1.100 Euro Netto rausbekommen, also richtig wenig. Aber man hat ja nach dem Studium dieses Denken, dass man jeden Job der einem angeboten wird mit viel Dankbarkeit annehmen muss. Ein Praktikum war für mich keine Option, weil ich irgendwie meine Miete bezahlen musste. Wenn man überhaupt was für ein Praktikum bekommt, bekommt man auch nicht mehr als 400, 500 Euro. Das ist bei mir weggefallen, deswegen habe ich diesen Job angenommen. Das habe ich dann für ein Jahr lang gemacht und habe es komplett gehasst. Aber ich glaube es lag einfach daran, dass dieses Studio überhaupt nichts mit meinen Interessen zu tun hatte. In der Zeit ging es dann für mich so richtig los. Ich habe nach der Arbeit meine privaten Projekte gemacht, weil ich gemerkt habe, dieser Job erfüllt mich gar nicht und ich muss einen Output finden und Projekte machen, die mir Spaß machen, bei denen ich mich richtig ausdrücken kann. Das habe ich dann immer Abends oder am Wochenende gemacht. Nach einem Jahr habe ich gekündigt. Ich bin echt morgens aufgestanden und dachte ich kann da nicht mehr hingehen. Ich habe mich dann nochmal auf einen Master an der UDK beworben und nebenbei einfach in einem Café gearbeitet, um mir einen basic income zu sichern. Ich habe 50/50 im Café gearbeitet und die ersten Projekte angenommen.
< LN > Was waren das dann für erste Aufträge? Wie bist du da dran gekommen? War das zufällig oder spielt da auch persönliche Connection eine Rolle oder Instagram?
< VH > Also am Anfang waren es natürlich Leute, die man kennt, befreundete Personen. Das ist in Berlin ganz praktisch gewesen, dass ich mehrere Bekannte habe, die auch in kreativen Bereichen arbeiten. Die haben ihr eigenes Studio gegründet oder kleinere Dinge hochgezogen, für die ich dann Logotype oder kleine Brand Identities gemacht habe. Aber ich weiß noch ganz genau, da hatte ich wenig Ahnung von dem was ich mache und habe mir vieles aus den Fingern gesaugt und gelernt während ich daran gearbeitet habe. Das hat dann auch funktioniert aber das erste Jahr indem ich das gemacht habe hätte ich auf jeden Fall nicht davon leben können. Da habe ich diesen Sidehustle im Café schon noch gebraucht. Dann ist natürlich auch echt ein wichtiger Punkt Social Media. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ohne diese Plattform mein Freelancer-Business nicht hochziehen hätte können. Man hat dadurch einfach die Möglichkeit sich selber und seine Arbeit zu zeigen. Kunden sehen einfach, was man macht. Früher musste man sich mit einem Studio hocharbeiten. Jetzt kann man das umgehen, indem man sich selber und seine Arbeiten präsentiert. Das habe ich dann eben gleichzeitig auch immer so ein bisschen mit gedacht. Ich muss alles, was ich mache, posten und gucken, dass es möglichst viele Leute sehen. Ich habe mir auch teilweise Projekte ausgedacht. Dann habe ich irgendwelche Brandings gemacht, die es gar nicht gab oder habe Magazinen gestaltet mit Künstlerinnen, die ich spannend finde. Einfach nur damit ich Arbeiten habe, die ich zeigen kann. Das es so aussieht, als ob ich schon am Start bin. Aber da war echt viel einfach ausgedacht.
< LN > Okay, also das heißt, du würdest schon sagen, dass Instagram auch eine wichtige Rolle spielt, um mehr Aufträge zu bekommen, wenn man selbstständig ist?
< VH > Auf jeden Fall. Ich glaube, man kommt echt nicht drumherum. Ich muss sagen, ich habe eine Hassliebe zu der Plattform. Ich muss wahrscheinlich nicht erzählen, dass es auch sehr anstrengend sein kann, dass man sich immer vergleicht und dass das sehr viel Kapazität einnehmen kann. Aber ich könnte nicht darauf verzichten. Bei mir kommen auf jeden Fall 60% meiner Aufträge über Instagram. Und dann wird man natürlich, wenn man einmal mit Leuten zusammen gearbeitet hat, weiter empfohlen. Aber genau, ich würde sagen „The First Impression“ ist meistens Instagram tatsächlich.
< LN > Aber dann ist dein Social Media schon auch kuratiert, oder? Also du packst dann wahrscheinlich nicht alles in dein Portfolio oder auf Instagram, was du so machst?
< VH > Das ist eine sehr gute Frage. Absolut nicht.
< LN > Ich schätze mal, es gibt Jobs, die dann eher cash reinbringen, dann aber nicht so visually pleasing sind, oder?
< VH > Auf jeden Fall. Also bei mir ist glaube ich echt so Hälfte, Hälfte. Ich meine es gibt natürlich die Dream Projects, die man fürs Portfolio verwenden kann und dir gut Geld bringen. Aber ich mache auch sehr kommerzielle Projekte. Also für Brands, die Kohle haben, bei denen man sich jetzt aber nicht wirklich groß gestalterisch ausdrücken kann. Aber I have to say, I love those projects. Mir macht das teilweise echt Spaß. Da muss man nicht jedes Mal das Rad neu erfinden und mit krassen Konzepten um die Ecke kommen. Das arbeitet man dann einfach ab, kriegt seine Kohle und gut ist. Dann kann man seine kreative Energie in die Projekte stecken, die wirklich einen anderen gestalterischen Anspruch haben. Aber zurück zu deiner Frage: posten tue ich das nicht. Das ist alles so im Schatten. Es wäre eigentlich lustig, wenn man noch einen zweiten Instagram-Account hätte.
< LN > Ja, true. Ich glaube auch, dass vielen bewusst ist, dass man natürlich ein bisschen aussortiert. Aber es ist dann trotzdem immer spannend nochmal zu hören, dass das wirklich mit Absicht einfach versteckt bleibt. Wie ist dann so die Balance bei dir? Ist es 50/50, also Projekte, die eher Geld reinbringen und dann Projekte, die dir eher Spaß machen und die du vom Style auch feierst?
< VH > Ja genau, ich glaube es sind so drei Columns, könnte man fast sagen. Es gibt einmal Projekte, die ich selber fühle, die mich ästhetisch ansprechen, wo ich weiß, ich kann eine Arbeit machen, die mich auch selber erfüllt. Dann gibt es eben Projekte, die gut Kohle bringen, aber jetzt nicht so viel mit meinem Interessengebiet zu tun haben. Und dann gibt es eben noch Projekte, die irgendwie einen Mehrwert für die Gesellschaft haben oder die für einen gemeinnützigen Zweck sind. Die können vielleicht gestalterisch nicht immer total expressive und experimentell sein und bringen auch nicht super viel Geld, wenn überhaupt. Oft ist es dann pro Bono, aber man weiß eben, dass hat eine andere Sinnhaftigkeit an solchen Projekten zu arbeiten. Da versuche ich immer die Balance zu finden. Man kann sich das natürlich nicht immer aussuchen. Manchmal hat man eine Phase, da macht man einen Monat oder zwei nur Commercial und dann kommen drei coole Artworks rein. Am besten ist es natürlich, wenn es sich alles gleichmäßig verteilt. Ich glaube aber schon, dass es bei mir so 50/50 ist.
< LN > Ein spannendes Thema ist Geld. Ich habe das Gefühl, dass viele Designer:innen, die damit anfangen, gar nicht wissen, was sie für ihre freiberuflichen Dienste verlangen können. Was kann ich für ein Logo oder für eine Webseite verlangen? Wie hast du das früher gemacht oder wie machst du das heute? Gibt es einen Tagessatz, an dem man sich halten sollte? Gibt es irgendwelche Infos, an die man kommt? Ich glaube, dadurch entsteht Price-Dumping, weil alle nicht selbstbewusst mit ihren Preisen sind und es dann immer jemanden gibt, der es billiger macht. Also wie geht man das an?
< VH > Das ist gar nicht so einfach. Es kommt natürlich total darauf an: wie viel Berufserfahrung hat man, welche Reputation hat man sich aufgebaut. Es ist schon klar, dass wenn man gerade aus dem Studium kommt noch nicht so viel verlangt, wie jemand der viel länger in dem Beruf arbeitet. Ich habe aber auch so undercharged, als ich angefangen habe. Ich habe mir letztens eine Rechnungen von vor 8 Jahren angeguckt. Ich habe echt gelacht, ich habe mir gedacht was hab ich da gemacht. Für 500 Euro eine komplette Identity. Was mir total geholfen hat ist mit anderen Designer:innen zu sprechen, die schon ein bisschen mehr Erfahrung haben. Dann wirklich mal jemanden ein Angebote zu schicken und zu fragen, ob man mal kurz drüber schauen kann. Da haben mir oft alle gesagt: „Hey, du kannst locker das Doppelte verlangen.“ Am Anfang hatte ich einfach Angst vor großen Zahlen, sobald irgendwas über 1000 Euro war, weil es einfach krass viel Geld damals war. Das hab ich mich nicht so richtig getraut. Charlotte Rhode hat auch ein Spreadsheet veröffentlicht, wo Gestalter:innen aus ganz Europa, ihre Rates eingetragen haben. Man kann sehen, wie lange die Person schon arbeitet, was deren Jobposition ist und was die Leute verlangen.
< LN > Das ist „What is my work worth?“ oder? Das sie mit Max Weinland gemacht, oder?
< VH > Genau, das meine ich. Und dann kommt es natürlich auch immer auch drauf an für wen man arbeitet. Das ist auch das, was ich eben so ein bisschen angerissen habe. Wenn ich für eine große Kooperation arbeite, die super kommerziell ist, dann charge ich natürlich anders als wenn ich ein Design für Sea-Watch mache. Das ist irgendwie auch klar, dass man da unterschiedliche Rates hat. Im kulturellen Bereich zum Beispiel, wenn ich für ein Theater oder eine Gallery arbeite, dann mach ich oft auch mal 20 Prozent Discount. Da schaue ich, dass ich den Clients gegenüber fair bin.
< LN > Und wie gehst du dann damit um? Hast du fixe Preise oder einen Tagessatz?
< VH > Also eigentlich mache ich immer hourly rate. Das resultiert dann in einen Tagessatz. Wenn ich Angebote schreibe, dann drösel ich immer die einzelnen Tasks auf. Also die Research Phase dauert beispielsweise zehn Stunden, die Design Phase, zwei Tage und dann schreibe ich meine hourly rate hin und rechne das dann so hoch.
< LN > Hast du dann früher auch unbezahlte Projekte gemacht, wenn es sich für die „Erfahrung“ lohnt?
< VH > Ja, hab ich auf jeden Fall auch gemacht. Dem stehe ich jetzt kritisch gegenüber. Ich hab‘s auf jeden Fall gemacht, weil ich irgendwie auch nicht gesehen hab, dass es da einen Weg drum rum gibt. Aber mittlerweile ist das genau was du gesagt hast. Man macht es dann und damit drücke sich die Preise runter. Da kommt es eben auch drauf an. Es ist was anderes, wenn man für eine befreundete Person ein Logo macht. Das finde ich geht klar. Aber sobald man für ein etabliertes Studio arbeitet oder für Leute die eigentlich Kohle haben und einen gerade nur ausbeuten wollen, dann würde ich nicht mitmachen. Ich habe mal eine Anfrage bekommen, das weiß ich noch da ich hatte eine E-Mail im Postfach und dachte erst das ist Spam. Die wollten für eine Kampagne ein Lettering von mir haben. Ich dachte mir erst: „Wie geil ist das denn?!“ Und bin mit denen ins Gespräch gegangen. Es musste natürlich direkt passieren, also ich hätte Wochenenden durcharbeiten müssen – Arbeitsbedingungen auch schon mal für die Katz. Die hatten total High Expectations und wollten dann, ich weiß es nicht mehr genau, nur so 2000 Euro bezahlen. Das war komplett out of comportion für diesen Arbeitsumfang. Das sollte dann noch globally verwendet werden, dass die damit keine Ahnung, wie viel Kohle machen. Dann habe ich echt mit mir gerungen, weil ich dachte, soll ich es jetzt trotzdem machen, damit ich diesen Namen in meinem Portfolio habe? Das zieht dann ja auch andere Clients an und wäre voll der Flex. Ich habe es dann aber nicht gemacht, weil ich es echt nicht eingesehen habe, dass gerade diese big Clients sich so darauf ausruhen, dass sie irgendjemanden finden werden, der es für so wenig Geld macht. Dann dachte ich mir ne scheiß drauf. Das ist so ein Beispiel dafür und das bereue ich auch eigentlich nicht.
< LN > Was war generell der Grund, warum du dich selbstständig gemacht hast? War das wirklich wegen deiner Erfahrung als Junior Grafikdesignerin oder wolltest du eh schon immer selbstständig sein? Also was deine Motivation?
< VH > Ich glaube, es war tatsächlich diese negative Arbeitserfahrung. Ich habe schon immer viel gearbeitet seitdem ich 16 bin. Ich hatte immer irgendwelche welche Kellner Jobs, es war jetzt nicht so, dass ich keinen Bock auf Arbeit hatte. Es war einfach dieses klassische 9 to 5, für jemand anderen arbeiten, an Projekten arbeiten, die man sich nicht aussuchen kann. Ich fand es so limiting und einfach furchtbar. Ich kann mir echt nicht vorstellen, das nochmal zu machen. Ich mag es total gerne, meinen Tag selber zu strukturieren, dass ich mir spontan einen Tag frei nehmen kann, dass ich da einfach flexibel bin. Und auch für Leute arbeiten kann, für die oder mit denen ich arbeiten möchte. Es ist ein krasses Privileg, so arbeiten zu können. Das schätze ich sehr, dass das möglich ist.
< LN > Gibt es aber auch Sachen, bei denen du in der Selbstständigkeit strugglest?
< VH > Ja, schon auf jeden Fall. Das ist natürlich immer gepaart mit so einer gewissen Ungewissheit. Man weiß eben nicht, wann kommt das nächste Projekt rein. Besonders am Anfang, hat mir das teilweise schon echt Angst gemacht, weil, wie es halt immer so ist, kommen irgendwie alle Sachen auf einmal und dann kommt ein Monat auf einmal gar nichts mehr. Man weiß irgendwie nie so richtig geht es jetzt noch weiter, kommt jetzt wieder was. Es hat zum Glück immer geklappt, aber man muss sich schon ein bisschen Rücklagen anlegen, dass man nicht aufgeschmissen ist, wenn mal ein Monat kein gut bezahltes Projekt reinkommt. Das muss man ein bisschen mitdenken. Was ich auch noch sagen würde, was vielleicht auch nicht immer so einfach war gerade am Anfang, dass man sich so viel selber beibringt. Auf der einen Seite ein schönes Gefühl, wenn man merkt, man kriegt das alleine hin. Aber gleichzeitig denke ich mir auch, wenn man für jemanden arbeitet, also auch dieses eine Jahr, wo ich in der Agentur gearbeitet habe, habe ich trotzdem krass viel gelernt. Arbeitsabläufe, Kundenkontakt, wie man eine ordentliche Folder Structure anlegt und Abläufe plant. Da sind mir vielleicht so ein paar Sachen durch die Lappen gegangen beziehungsweise ich hab einfach viel, viel länger gebraucht, weil ich niemanden hatte, der mir gezeigt hat wie es geht. Ich musste alles nach und nach selber erarbeiten und rausfinden.
< LN > Richtiger Reality-Check auf jeden Fall. Würdest du sagen, dass du eher Generalist oder Specialist bist, also dass du dich eher auf eine Sache fokussierst oder unterschiedliche Sachen machst?
< VH > Also mittlerweile auf jeden Fall Ersteres. Ich habe ja gerade auch nochmal angefangen Produktdesign zu studieren, weil ich gar nicht mehr so ultra Bock auf Grafik habe beziehungsweise schon noch Lust, aber nicht nur. Ich bemerke, dass ich meinen Design Approach auch gerne auf andere Medien übertrage und das irgendwie limiting finde, immer nur am Bildschirm zu sitzen. Aber am Anfang habe ich schon sehr typolastig gearbeitet und bin dann eben in diese Lettering Ecke gerutscht. Ich hatte auch eine Zeit, in der ich Type-Design ausprobiert habe, aber es hat mich einfach nicht gebockt. Ich glaube, dafür bin ich einfach zu ungeduldig. Ich habe nicht die Muse monatelang an derselben Schrift zu arbeiten. Ich habe auch Projekte gemacht, in denen ich das ausprobiert habe und ich dachte auch eine Zeit lang, dass muss man dann so machen, wenn man Schrift gestalten möchte. Dann habe ich aber gemerkt, eigentlich habe ich viel mehr Spaß, wenn ich One-Off expressivere Letterings designe. Das habe ich dann auch eine Zeit lang hauptsächlich gemacht. Aber das ist dann natürlich auch immer verbunden mit einem Branding, mit einer Identity, mit einem Artwork und bettet sich dann in einem breiteren Grafikkontext ein.
< LN > Aber voll spannend, dass du jetzt noch Produktdesign machst. Arbeitest du gerne analog? Würdest du sagen, dass das auch für die Arbeit von Designern:innen essentiell ist, dass man weg vom Laptop kommt?
< VH > Also ich glaube, da hat jeder so seinen eigenen Ansatz. Bei mir trifft es auf jeden Fall zu. Gerade in einer Konzeptphase oder wenn ich erste Skizzen mache, muss ich das analog machen. Das geht mir digital einfach nicht so von der Hand. Ich finde auch, dass beim analogen Arbeiten oft sehr spannende unbeabsichtigte Sachen passieren. Ich arbeite mit Collagen und eigentlich ganz unterschiedlichen Materialien, bei denen man manchmal von Anfang an gar nicht absehen kann, wie die sich verhalten oder in welche Richtung es geht. Das übersetze ich dann zurück ins Digitale und mag es ganz gerne in einem Ping-Pong mit verschiedenen Materialitäten und Gestaltungstools zu sein. Ich merke, dass Schriftgestaltung mir Spaß macht, ich aber keine Lust habe, nur Schrift zu gestalten. Diese Visual Language lässt sich irgendwie gut übersetzen in andere Dinge, Objekte, Möbel und Skulpturen und ich merke, dass ich sich diese unterschiedlichen Disziplinen gegenseitig voll gut informieren können und dass ich einen produktiveren Output habe, wenn ich an verschiedenen Projekten und unterschiedlichen Disziplinen arbeite, als wenn ich fünf Brandings gleichzeitig mache.
< LN > Viele würde noch interessieren, was du zum Thema Selbstständigkeit gerne früher gewusst hättest. Gab es ein Big Learning oder hättest du etwas im Nachhinein anders gemacht?
< VH > Weniger Scham und mehr Austausch. Also ich glaube, das ist die Kehrseite von diesem „Fake-It-Till-You-Make-It“ und sich so zu präsentieren. Das sich bei Instagram alle so präsentieren, als ob sie irgendwie total erfolgreich sind und alles schon verstanden habe. Gerade am Anfang ist klar, man muss sich irgendwie so präsentieren, dass Leute einen Ernst nehmen und dass man Clients an Land zieht, aber es ist halt auch voll okay, ehrlich zu sein. Gerade mit anderen Designer:innen, die vielleicht in einer ähnlichen Position sind in den Austausch zu gehen und über Pricing und Geldthemen zu sprechen. Ich weiß noch, dass ich damit am Anfang echt Schwierigkeiten hatte, weil ich gedacht habe, ich will ja nicht, dass jemand weiß, dass ich am strugglen bin. Als ich angefangen habe mit Leuten zu reden, habe ich gemerkt, es sind alle am strugglen. Keiner judged dich, dass man nicht perfekt bescheid weiß. Man kann sich gegenseitig einfach krass unterstützen und bereichern, wenn man einfach miteinander spricht.
< LN > Deswegen auch richtig cool, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich dachte irgendwie nicht, dass da so ne große Community ist, aber es ist richtig schön, dass so viele Leute darüber quatschen wollen.
< VH > Ja, mega nice. Ich glaub, das ist auch grade ein bisschen ein Shift. Also so nehm ich das zumindest war. Es gibt ein größeres Bewusstsein für diesen Community Aspekt in der Creative Industry. Nicht mehr dieses Ellenbogen raus, sondern eher ein Miteinander. Wie kann man sich gegenseitig hochziehen und auch Collaborations. Es so wertvoll mit anderen Leuten zusammen Projekte zu machen. Man kann sich gegenseitig Knowledge hin und her schieben und seine Plattformen erweitern. Das ist echt eine der wichtigsten Sachen, glaube ich, die man machen kann, mit anderen Leuten, die einen ähnlichen oder vielleicht einen ganz anderen Ansatz haben, zusammenzuarbeiten.