< Interview 005 >
< Name > Yvonne Moser
< Jobposition > Co Founder bürobungalow
< Based in > Würzburg
< Date > 17/11/2025
< LN > In Reality Bites wollen wir die unangenehmen Seiten des Designberufs beleuchten und die Unsicherheit von jungen Designer:innen nehmen. Ich habe das Gefühl, dass sich der Design Beruf oder das Verständnis davon transformiert und sich neue Wege aufmachen. Im Kurs befassen wir uns mit den Struggles und Fragen wie: Wie mache ich mich selbstständig? Wie gründe ich ein Designbüro? Wie werde ich als Designer:in wahrgenommen? Deswegen dachte ich, ich frage dich weil du büro bungalow mitgegründet hast. Wie genau hat das angefangen? Wie war der Übergang vom Studium für euch. Wann habt ihr büro bungalow gegründet und was eure Motivation?
< YM > Wir haben alle zusammen in Würzburg studiert und während unserer Bachelorzeit überlegt, was wir danach machen wollen. Alle waren ein bisschen lost. Wir hatten alle Praktika in Agenturen gemacht, hatten aber nicht so Lust drauf, direkt wieder in Agenturen zu gehen. Dann ist die Idee bei einem Rotweinabend entstanden, dass wir unser eigenes Ding machen wollen. Nach dem Motto „Lass uns einfach ein Jahr ausprobieren und dann schauen wir wie es läuft.“ Und so kam büro bungalow dann zustande. Unsere Professor:innen haben uns sehr gepusht und auch einen Büroplatz in einem Co-Workingspace für Gründer:innen & Start-Ups vermittelt. Da haben wir eine kleine Miete bezahlt. Dann ist das Jahr relativ schnell vorbei gewesen und es ist gut gelaufen und wir haben weitergemacht.
< LN > Also hattet ihr außer dem Praxissemester keine Praxiserfahrung? Ihr seid direkt nach dem Studium in die Gründung gestartet?
< YM > Ja genau. Im Oktober 2016. Wir haben direkt nach dem Studium angefangen.
< LN > Wie seid ihr dann zu euren ersten Aufträge gekommen?
< YM > Eigentlich primär über unser Netzwerk. Wir hatten eine relativ hohe Aufmerksamkeit zum Start. Die Leute fanden es spannend, dass wir direkt nach dem Studium zu sechst ein Designbüro gegründet haben. Bei sechs Leuten hat ja jede:r seinen Kreis an Leuten, natürlich auch mit Überschneidung, aber da kamen schon viele Leute zusammen, die uns und unsere Arbeit verfolgt haben. Dadurch, dass wir in diesem Co-Working Space – der von verschiedenen Institutionen gesponsert wurde – kamen da auch nochmal neue Connections zusammen.
< LN > Und hat da auch schon Instagram eine Rolle gespielt oder war das dann erst später?
< YM > Ich weiß noch, wie wir unseren allerersten Facebook Post gemacht haben und announced haben, dass es uns jetzt gibt. Alle aufgeregt vor einem Laptop versammelt, hin und herüberlegt, was genau wir schreiben sollen. Beim Schreiben der Caption enstand spontan unser bungalow-Gruß „hallow“. Instagram haben wir parallel genutzt. Ich glaube zu der Zeit haben wir Facebook privat schon nicht mehr wirklich genutzt, aber damit konnten wir nochmal mehr Leute erreichen, weil hier das Netzwerk zu der Zeit noch größer war als auf Insta.
< LN > Kamen dann auch irgendwann Aufträge über Instagram oder eher nur über persönliche Connections?
< YM > Am Anfang schon erstmal über unser Netzwerk und persönliche Connections. Dann auch über Empfehlungen von Kund:innen. Und irgendwann gab es dann auch mehr Anfragen über Insta.
< LN > Konntet ihr in dem ersten Jahr schon davon leben oder habt ihr alle noch Nebenjobs am Anfang gehabt? Ich kann mir vorstellen, dass man schon ein bisschen länger braucht, bis man damit sein Leben finanzieren kann.
< YM > Wir hatten auf jeden Fall alle Nebenjobs und haben alle noch in WGs gewohnt etc… Im Endeffekt brauchst du als Designer:in zum Start nicht viel. Du brauchst deinen Laptop, einen Arbeitsplatz, deinen Kopf und noch ein bisschen Software. Aber du kannst relativ schnell rein starten. Nicht wie bei anderen Sachen, wenn du zum Beispiel ein Café aufmachen willst. Dann musst du erstmal reininvestieren.
< LN > Das heißt man braucht auch nicht unbedingt so eine große Finanzierung am Anfang für eine Gründung? Gibt es Finanzierungen oder muss man ein bisschen Kapital mitbringen? Oder ist das erstmal gar nicht so relevant?
< YM > Bei uns war es nicht so. Wir haben geschaut, dass wir einige Sachen für unser Büro gesponsort kriegen und haben uns wenig neu gekauft. Einrichtung und Möbel waren eigentlich alle Second Hand. Wichtig war uns allen aber das fixe Einkommen durch Nebenjobs, damit wir nicht abhängig von den schwankenden Einnahmen aus der Selbstständigkeit sind.
< LN > Ihr wart zu sechst, richtig? Wie habt ihr Aufgaben verteilt? Ich stell mir das zu zweit noch einfach vor, aber bei so einer Größe ist es bestimmt schwer, Aufgaben und Verantwortung gleich zu verteilen, oder?
< YM > Ich weiß noch, das allererste Projekt haben wir alle zusammen gemacht. Jede:r hat automatisch irgendwie seine:ihre Rolle gefunden und eingenommen. Das Ergebnis war gut, aber rückblickend betrachtet war der Ablauf etwas chaotisch und nicht sehr effizient. Das war das erste und das letzte Projekt, an dem wir so zusammengearbeitet haben. Danach haben wir über Expertisen-, Verantwortungs- und Aufgabenverteilung nachgedacht. Administrative Aufgaben, also Finanzen und Buchhaltung, Versicherung oder Telefondienst aber auch interne Verantwortlichkeiten, wie Social Media und Websitepflege, haben wir versucht untereinander fair zu verteilen. Mit den Projekten sind wir immer mehr reingewachsen. Anfragen wurden nach Expertise und Kapazität verteilt, insofern das möglich war. Mit der Zeit kam noch mehr Administratives dazu, zum Beispiel, als wir Mitarbeitende einstellt haben. Dann war klar, wir brauchen eine Verantwortlichkeit für Mitarbeitende, Bewerbungen, Teamevents, Vertragliches etc. Irgendwann gab es auch ein Sales Team, das sich aktiv um Akquise gekümmert hat. So haben sich dann relativ schnell verschiedene Bereiche entwickelt. Natürlich hatten dann Einzelne von uns mit viel internen Aufgaben weniger Zeit für Projekte. Um das ausgleichen zu können, haben wir irgendwann ein flexibles Rollensystem entwickelt.
< LN > Also das habt ihr auch gemacht? Ihr hattet nicht externe Leute dazu geholt, beziehungsweise das von externen Leuten gelernt, sondern euch selber beigebracht?
< YM > Ja am Anfang schon. Die vorbereitende Buchhaltung haben wir selbst gemacht und an ein Steuerbüro übergeben. Irgendwann haben wir gemerkt, dass es zu viel wird und weniger Zeit für Projekte ist. Deshalb haben wir eine Office Managerin eingestellt, die einige solcher Aufgaben übernommen hat und uns somit den Rücken freihalten konnte.
< LN > Davor hätte ich so richtig Panik, dass ich irgendwas rechtlich falsch mache.
< YM > Das Steuerbüro hat uns schon gesagt wenn wir was falsch gemacht haben. Wir haben einige kleine Fehler am Anfang gemacht, aber das war im Endeffekt nichts Schlimmes. Daraus haben wir für die Zukunft gelernt. Thema Versicherung ist schon ein leidiges Thema. Da sollte man sich gut informieren und auch mit anderen Selbstständigen connecten, um abzugleichen, was wirklich nötig ist. Wegen den rechtlichen Sachen, zum Beispiel GbR Gründung, haben wir direkt am Anfang mit einem Anwalt gesprochen, um die Grundlagen festzulegen. Für unsere AGBs haben wir zum Anfang das Muster vom BDG benutzt. Das kostet nicht viel und man ist für den Anfang erstmal abgesichert. Als wir immer mehr Projekte hatten und Leute eingestellt haben, haben wir unsere Verträge, Angebote, Rechnungen, AGBs etc. nochmal von einem Anwalt nochmal prüfen und überarbeiten lassen.
< LN > Das heißt, du würdest empfehlen, ein Steuerbüro dazu zu ziehen?
< YM > Ja, außer du hast richtig Lust Steuern zu machen – und wer von den Kreativen hat das schon. Es kostet halt auch Zeit, die für kreative Projekte dann fehlt. Eigentlich ist es bei allen Sachen, von denen man nicht wirklich einen Peil hat, ratsam, sich einmal kurz beraten zu lassen. Bei uns war zum Beispiel das Thema Rechtsform sehr groß. Sollen wir eine GbR werden? UG? Oder GmbH? Hier haben wir Input vom Steuerbüro, Anwalt und Professoren bekommen. Auch zum Thema KSK.
< LN > Bist du in der KSK?
< YM > Ja. Wir sind alle damals reingekommen. Das war auch ein Bangen, ob man reinkommt oder nicht. Aber wenn man weiß, worauf man achten muss, alles halb so wild.
< LN > Ist das nicht auch voll der Act, dass man vorher angeben muss, was man circa verdient?
< YM > Ja, das ist auf jeden Fall ein komisches System. Du musst immer Ende des Jahres schätzen, was du kommendes Jahr verdienen wirst. Das weiß man halt einfach nicht. Darauf werden dann deine zu zahlenden Beiträge berechnet. Das Ding ist, da wird nicht wie bei der Einkommenssteuer nochmal nachgeprüft, ob du zu viel oder zu wenig bezahlt hast. Hast du zu viel bezahlt, kriegst du es nicht zurück. Hast du zu wenig bezahlt, musst du auch nicht mehr zahlen. Aber sie können dich prüfen. Wenn du dann was „falsches“ angegeben hast, musst du gegebenenfalls eine Strafe zahlen. Verstehe ich bis heute nicht. Aber an sich ist das eine sehr gute Sache, weil wir nur die Hälfte der Beiträge zahlen müssen — die andere Hälfte zahlt die KSK. Und man zahlt in die gesetzliche Rente ein. Das ist also quasi so, als wäre man angestellt.
< LN > Das heißt, 2016 habt ihr gegründet. Das ist jetzt neun Jahre her. Findest du, der Designberuf hat sich in dieser Zeit verändert. Natürlich ist jetzt KI auch ein großes Thema, aber ich frage mich, ob der Designberuf eine neue Rolle bekommen hat.
< YM > Ich mein klar, KI ist der größte Punkt, an dem man gemerkt hat, dass sich viel verändert. Positiv und negativ. Man kann viele Sachen sehr viel effizienter nutzen. Aber es kommen viele Kund:innen auf die Idee, die Sachen selber zu machen. Da fehlt einfach die Expertise, wie man wirklich gestaltet und wie man konsequent im Design bleibt. Deswegen haben wir schon immer den Fokus auf Konzeption gelegt und auf das Ganzheitliche. Nicht nur das Ausführende, also zum Beispiel Flyer auf CI designen. Klar, das haben wir auch gemacht, aber damit kommt man glaube ich heutzutage nicht mehr weit. Wo uns die Leute brauchen, ist die Konzeption, die Idee, das Festlegen von Designregeln.
< LN > Mir ist letztens aufgefallen, als ich 2020 angefangen habe zu studieren, war KI noch null Thema und das ist so schnell abgegangen.
< YM > Das ist natürlich auch spannend, wie die Hochschulen darauf reagieren.
< LN > Ja voll, ich glaube jetzt fangen die meisten erst an zu reagieren, to be honest. Aber auch spannend was das jetzt für die Jobsuche bedeutet. Ich habe gelesen, es gibt immer weniger Junior Stellen gerade. Wahrscheinlich auch aus wirtschaftlichen Gründen.
< YM > Ja, traurig. Wie sollen die ausgebildeten Designer:innen denn einsteigen, es fängt ja niemand als Senior an.
< LN > Ja, aber ich glaube auch, dass Konzept noch wichtiger wird. Ich finde es eigentlich auch gut, dass die Fakultät Gestaltung Würzburg da den Fokus drauf gelegt hat. Und gerade ist ja auch Interdisziplinarität ein großes Thema. Würdest du, wenn du zurück schaust alles nochmal so machen? Würdest du den Beruf nochmal wählen?
< YM > Schwierig. Ich weiß schon, warum ich mir das Studium damals ausgesucht habe. Im Endeffekt haben wir alle unsere Leidenschaft zum Beruf gemacht. Also zumindest bei büro bungalow war das so. Am Ende des Tages musst du aber auch dein Geld damit verdienen. Jede Arbeit hat ihre unschönen Seiten, klar. Aber wenn die Aussichten nicht gut sind und du ständig um seine Existenz bangen muss, würde ich die Wahl des Studiengangs heute deutlich mehr hinterfragen als damals. Es ist aber auch gerade eine schwierige Zeit. Es gibt immer weniger Budget und Marketing ist immer das, was als erstes gekürzt wird. Dazu kommt, dass man wenig Wertschätzung für die Arbeit bekommt, was sich im Gehalt oder in den Honoraren ausdrückt. Generell habe ich das Gefühl, dass in unserer Gesellschaft der Stellenwert von Kommunikationsdesign nicht hoch ist. Das ist irgendwie nicht „sichtbar“ oder direkt mit Umsatz verknüpft. Dabei ist doch alles was wir sehen gestaltet. Das ist schon verrückt, wenn man da mal drüber nachdenkt. Auf jeden Fall verändert sich der Beruf jetzt. Ich glaube, es ist wichtig generell mehr auf Konzeption und Strategie zu setzen und sich eine Kreuzexpertise aufzubauen.
< LN > Ich finde auch gerade beim Thema Gehalt mega spannend, wie Leute das nicht wertschätzen. Die haben damit vielleicht auch nichts zu tun und wissen nicht bescheid aber würden 50 Euro für ein Logo vorschlagen. Ich finde es voll krass, wie da kein Gespür dafür da ist.
< YM > Ja total. Das wird dann oft als Hobby abgestempelt, da man es ja „gerne macht“.
< LN > Ich sollte mal für eine Gastronomie eine komplette Identity innerhalb von 2 Wochen erstellen. Und alle um mich rum, die nichts mit Design zu tun hatten waren mega schockiert als ich 1.700 Euro verlangt habe. Ich habe extra vorher mit Leuten gesprochen die sich auskennen, was man dafür verlangen kann. Man hat mir gesagt, dass man Nutzungsrechte gar nicht mehr dazu verkauft. Dann musst du ja auch überlegen, das Logo wird ja dann im besten Fall für immer benutzt und für alle möglichen Lizenzen freigegeben. Das heißt, da bekommst du ja dann auch nichts mehr nach so zehn Jahren, wenn das ausläuft. Aber macht man das noch mit Nutzungsrechten oder macht man das wirklich nicht mehr?
< YM > Also das ist ganz wild bei Lizenzen und Nutzungsrechten, da herrscht soviel Unwissen. Bei Fotograf:innen sind Bildrechte ja eigentlich Gang und Gebe. Aber wenn es ums Design geht, dann sind die Leute verwirrt, was das ist. Wir hatten da immer unsere „goldene Bibel“ vom AGD. Die erklärt, wie man seine Preise richtig kalkuliert, welchen Wert die Arbeit hat und warum es Nutzungsrechte braucht. Wir wussten am Anfang auch nicht, wie berechnen wir den Wert unserer Arbeit? Und da stand das mit den Nutzungsrechten drin. Rechtlich gesehen bist du immer Urheber:in deiner Arbeit und musst anderen das Recht einräumen, die Arbeit benutzen zu können. Es ist also eigentlich zwingend notwendig, Kund:innen Nutzungsrechte mitzugeben. Und die haben immer einen Wert, der über die reine Arbeitszeit hinausgeht. Wenn du mit mittelständischen Unternehmen oder Konzernen arbeitest, ist das eigentlich nie ein Problem. Die meisten kennen Nutzungsrechte und Lizenzen und wissen, was sie brauchen und kaufen dann entsprechend ein. Aber bei kleineren Kund:innen, bei so einem kleinen Laden oder in der Gastronomie ist es immer schwierig. Da hatten wir auch viele Projekte, bei denen wir gemerkt haben, da ist einfach nicht das Budget da. Da muss man eine Lösung finden. Wichtig ist, dass man den Wert erkennt. Man kann ja auch mit Begrenzungen oder zusätzlichen Erfolgshonoraren arbeiten, wenn am Anfang das Budget nicht da ist. Also erstmal nur 1 Jahr Nutzungsrecht vergeben oder ab X Umsatz nochmal eine Lizenzgebühr vereinbaren.
< LN > Habt ihr Preise an die Kund:innen angepasst?
< YM > Wir haben ein Preissystem aufgebaut mithilfe von Nea Kosma. Die machen Finanzberatung für Kreative und betreuen Solo-Selbstständige, aber auch Agenturen. Wir haben uns an dem System vom AGD angelehnt, aber das war teilweise gar nicht mal so realitätsnah. Deswegen haben wir unter anderem eine Kategorisierung in Unternehmensgröße hinzugefügt. Wenn man von einer kleinen Gastro ausgeht ist natürlich klar, dass die nicht dasselbe zahlen können wie ein großer Kunde mit 5000 Angestellten auf der ganzen Welt verteilt.
< LN > Das Thema Geld finde ich mega spannend. Alle sagen man soll transparent darüber sprechen und aber genau sagt es einem dann auch niemand. Man macht ja auch Fehler und lernt daraus. Aber ich glaube dadurch entsteht Price-Dumping, wenn alle am Anfang lost sind und unselbstbewusst mit ihren Preisen. Dann gibt es immer eine Person, die es billiger macht. So war es auch bei mir mit dem Branding Auftrag für die kleine Gastronomie. Es hat dann eine Freundin von dem Besitzer umsonst gemacht.
< YM > Ja, herzlichen Glückwunsch. Es wurde einem auch nie richtig gesagt, wie man seinen Satz berechnen muss. Und das ist ja essentiell. Eigentlich müsste es so etwas wie einen Mindestsatz geben, der verpflichtend ist. Da muss sich echt was ändern.
< LN > Ich meine klar kann man, wenn man erst ein Jahr in dem Bereich arbeitet, natürlich noch nicht so viel verlangen wie wenn man schon zehn Jahre Berufserfahrung hat. Das ist ja logisch. Aber ich glaube trotzdem, dass Brands das auch ausnutzen und sagen „Hey, dann hast du unseren Namen in deinem Portfolio stehen.“
< YM > Auf jeden Fall wird das ausgenutzt. Und auch unbezahlten Pitches. Da sollte keiner mitmachen eigentlich.
< LN > Ich habe das auch nur im Praktikum mitbekommen und durfte dann selber mal Freitag bis um 1 Uhr nachts da sitzen. Aber ich dachte mir auch, warum gehen alle so crazy auf diese unbezahlten Pitches. Dann wird doch auch das Daily Business vernachlässigt, oder? In der Hoffnung, dass man neue Kund:innen anzieht. Habt ihr unbezahlte Pitches gemacht?
< YM > Also wir haben am Anfang auch unbezahlte Pitches gemacht. Irgendwann haben wir aber gesagt, wir machen das nicht mehr. Damit befeuert man ja auch einfach das System, indem man eigentlich gar nicht drin sein will. Und es zieht so viele Ressourcen. Man muss sich das halt auch leisten können. Wir haben dann nur noch bezahlte Pitches gemacht.
< LN > Hattet ihr Kriterien, die eure Projektauswahl beeinflusst haben? Wart ihr überhaupt an dem Punkt, dass ihr euch das aussuchen konntet?
< YM > Wir haben uns ein System aufgebaut, was für Kriterien erfüllt sein sollten und danach haben wir ausgewählt, was wir annehmen und was nicht. Ich mein, klar, das ist auf jeden Fall eine privilegierte Position, wenn man Projekte ablehnen kann. Wenn Anfragen reinkamen mit dessen Werten wir uns nicht identifizieren konnten, dann haben wir das abgelehnt. Wir haben aber gesagt, wir hören uns immer alles an, um einfach offen zu bleiben und nicht von vornherein Sachen abzulehnen. Uns war es auch wichtig, immer eine finanzielle Konstante zu haben. Also wiederkehrende Aufträge/ Retainer über längere Zeit.
< LN > Also so eine Art Balance zwischen Projekten, die Stabilität und sicheres Einkommen garantieren und Projekten, die eher ästhetisch mehr Spaß machen, oder? Ich habe immer eine romantische Vorstellung, dass man dann nur Sachen macht, die einen ästhetisch ansprechen. Aber die Realität ist ja, auch mal kommerzielle Projekte zu schrubben, die einfach Cash bringen, oder?
< YM > Ja, voll. Wobei man auch sagen muss, ein Cashprojekt schließt nicht aus, dass man geilen Scheiß machen kann. Es gibt durchaus Cashprojekte, bei denen man auch echt einfach machen darf. Das ist dann natürlich Jackpot. Vermeintlich sind es immer die kleineren Sachen, die künstlerisch oder verspielter sind, weil sie nicht einem strikten Brand Guide unterliegen. Aber wenn man eine Brand von Anfang an mit aufbauen oder redesignen kann, ist es natürlich umso schöner, wenn die Kund:innen offen und mutig für progressive Ideen sind.
< LN > Ein Professor in Würzburg hat uns immer gesagt, eins von drei Kriterien sollte irgendwie erfüllt sein: Spaß, Reichweite oder Geld.
< YM > Ja, das System kennen wir auch von einem Prof und haben es ein wenig abgeändert: Cash, Image, Moral und Kreativität. Also wir hatten vier Säulen und haben dann geschaut, dass immer drei Säulen gegeben sind. Es gibt aber auch Grenzfälle, wenn zum Beispiel die Moral, also die Werte, gar nicht übereinstimmen und der Rest schon, kann es trotzdem zu einer Ablehnung kommen. Beliebtes Beispiel ist da immer die Waffenindustrie.
< LN > Von dem gleichen Professor gab es jedes Semester einen Vortrag über Geld gehört. Der hat sich dann erbarmt darüber zu sprechen, weil es nie in einem Kurs behandelt wurde. Ich dachte mir jedes Mal, das muss doch Grundlage sein. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Hälfte nach dem Studium selbstständig machen will. Aber wir haben null Infos an die Hand bekommen. Mir fällt bei Reality Bites auf, dass man durch diesen Kurs mit Leuten aus der Branche in Kontakt kommt und so viel dazu lernt. Ich glaube so viele haben Scham davor einfach nachzufragen. Ich weiß nicht, ob da jetzt ein Shift ist und das vor allem früher zu Werbe-Hochzeiten einfach dieses "Ellenbogen-Raus-Ding" war und Design null kollaborativ war. Vielleicht ist jetzt einfach der Community Gedanke etwas größer, oder?
< YM > Ja, das kann ich mir auch vorstellen. Die Leute gehen ja auch offener auf Instagram mit ihren Designs, Prozessen und Struggles um. Das wird mehr nach außen gezeigt. Sie lassen sich nicht mehr so viel gefallen und es wird zum Beispiel kollektiv aufgerufen keine unbezahlten Pitches mehr zu machen. Vor kurzem wurde die Design-Gewerkschaft gegründet, die jetzt auch Teil von ver.di ist, was total wichtig ist, dass wir als Designer:innen endlich besser vertreten werden und eine laute Stimme bekommen, damit sich was ändert. Daran sieht man auch wieder: Austausch ist superwichtig, damit wir gemeinsam was bewirken und voneinander austauschen können.
< LN > Nochmal zurück zu eurer Aufgabenteilung. Wie habt ihr dann die nicht gestalterischen Aufgaben aufgeteilt?
< YM > Irgendwann haben wir ein Rollensystem aufgestellt. Ich weiß nicht, ob du Neue Narrative kennst? Das ist ein New-Work-Magazin, indem es um Organisationsstrukturen und Transformation geht. Die haben eine Plattform namens 9 Spaces und bringen immer wieder neue Workshop Tools raus, mit denen man sich besser organisieren kann. Daran haben wir uns orientiert und ein Rollenmodell erstellt. Auf einem Miroboard wurde jede einzelne Rolle aufgeschrieben, mit den Verantwortlichkeiten versehen und verteilt. Davor hatten wir einen großen Finance Bereich mit einer einzigen verantwortlichen Person. Mit dem Rollenmodell wurde das runtergebrochen in die Rollen Buchhalter:in, Finance Controller:in, Lizenz Expert:in, Abo Überblicker:in etc... So hatten wir einen viel besseren Überblick über das Gleichgewicht der Verantwortungen. Und bei Bedarf können Rollen umverteilt werden, wenn zum Beispiel jemand krank oder im Urlaub war oder generell umstrukturiert werden musste. Dafür haben wir Rollenkarten gemacht, auf denen stand dann genau, was deren Verantwortung ist.
< LN > Okay, spannend. Habt ihr dann auch das Geld genau gleich aufgeteilt, oder?
< YM > Ja, genau. Das haben wir immer gleich aufgeteilt. Deswegen sollte natürlich auch die Verantwortung gleich verteilt sein. Das ist aber nicht immer so einfach. Da muss man echt gucken, wie man das macht.
< LN > Und wahrscheinlich auch viel drüber reden und kommunizieren. Würdest du sagen, dass es leichter war, dadurch, dass ihr euch so gut kanntet und befreundet wart oder dass es in der Kommunikation dann eher schwieriger ist solche Themen anzusprechen?
< YM > Wenn man harmoniebedüftig ist, dann ist es natürlich schwierig, wenn man gewisse Sachen ansprechen muss. Da wächst man aber auch rein. Gewaltfreie Kommunikation ist da mega wichtig. Wir haben schon immer versucht, Lösungsorientiert miteinander zu sprechen. Unter Freunden kennt man sich, man weiß, wie man tickt. Das ist schon von Vorteil, aber klar, das kann natürlich auch ein Nachteil sein, weil man sich vielleicht nicht traut Sachen anzusprechen. Das kommt total auf die Person an. Aber ja, Kommunikation ist ultra wichtig vor allem auch bei mehreren Standorten. Man kriegt nicht so viel mit von der anderen Seite und sieht nicht, wenn die andere Person Überstunden machen muss. Wenn es im selben Büro wäre, würde man es mitbekommen und fragen wie man helfen kann. Also Communication is key.
< LN > Ja, das wollte ich auch gerade sagen, Communication is key. Und jetzt geht ihr alle einzelne Wege?
< YM > Ja, verrückt. Nach 9 Jahren ist das Kapitel jetzt beendet. Also eine Karriere haben wir schon hinter uns, schauen wir mal was jetzt wird.