< Interview 006 >
< Name > Matter Of - Visual Practices
< Jobposition > Designstudio
< Based in > Stuttgart
< Date > 30/11/2025
< ML > Wie war eure Situation direkt nach dem Abschluss – eher Orientierungslosigkeit oder klarer Fokus?
< MO > Wir waren weder wirklich orientierungslos, noch klar fokussiert. Wir haben erst einmal Festanstellungen gesucht und gefunden. Das waren nicht unbedingt die Agenturen, in denen wir uns längerfristig sahen, aber eine Sicherheit und wichtige Erfahrungen. Nur Marian studierte nach dem Kommunikationsdesign-Studium direkt Philosophie weiter.
< ML > Was waren damals eure größten Hoffnungen und Ängste?
< MO > Die Hoffnung war, akzeptiert zu werden, Geld verdienen zu können. Die Hoffnung, in einem besonders guten Studio zu arbeiten, schwebte natürlich schon im Raum, aber noch sekundär. Damals war die Grundsituation anders als heute, wo es generell viel mehr Unsicherheiten gibt. Angst war nicht so ein großer Faktor.
< ML > Welche Fähigkeiten aus dem Studium waren für euren Einstieg besonders relevant?
< MO > Für unseren Berufseinstieg waren technische Fähigkeiten wichtiger als konzeptionelle. Das änderte sich aber nach und nach.
< ML > Welche Rolle spielte Freelancing oder Agenturerfahrung für euren Berufsstart?
< MO > Eine starke, wir alle haben mehrere Jahre als Freelancer oder in Agenturen gearbeitet, bevor wir uns selbstständig gemacht haben. Marian konnte über Freelance-Arbeiten sein Zweitstudium finanzieren.
< ML > Welche Erkenntnisse oder Learnings habt ihr aus dieser Zeit mitgenommen?
< MO > Einerseits zielgerichteter Arbeiten zu lernen, das wirklich für eine konkrete Realität bestimmt ist. Andererseits waren unsere Skills in Typografie, Indesign usw. viel ausbaufähiger als wir vielleicht erwartet hatten, so dass wir viel von anderen abschauen konnten. Auf diese Weise hat jeder verschiedene Skills aus verschiedenen Richtungen in unser Kollektiv mitgebracht.
< ML > Welche Soft Skills haben euch den Übergang in die Praxis erleichtert?
< MO > Hier muss man aufpassen, denn je nach Situation und Kontext, Art der Anstellung, Art des Büros und dessen Strukturen sind andere Soft Skills hervorzuheben. Um mit anderen gemeinsam arbeiten zu können scheint uns Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein für unabdingbar. Generelle Lernbereitschaft und Offenheit kann helfen, um sich nicht zu ernst zu nehmen, sich entwickeln zu können und neues Wissen erlernen zu können, was nicht bedeuten soll, dass man alles mit sich machen lassen soll. Für die Gründung und Führung des eigenen Büros ist für uns Selbstmanagement, Kommunikations- und Organisationsfähigkeit sowie kritisches Denken wichtig. Gerade, da wir vier Personen sind, sind bürointerne Strukturen und Care-Arbeit bedeutsam, sowohl um den Überblick und den gemeinsamen Fokus zu halten, als auch sich nicht zu verstreiten.
< ML > Was würdet ihr Studierenden heute empfehlen, schon während des Studiums aktiv zu tun?
< MO > Für uns hat es gut funktioniert früh aktiv gewesen zu sein. Eigen-initiiertes Arbeiten war immer unser Antrieb, dazu gehört auch das Verfolgen von anderen Interessen, die zu Rückkopplungen mit unserer Designpraxis führen können. Wir gründeten während dem Studium ein Modelabel und ein Designbüro. Darüber kamen wir bereits früh mit GbR-Verträgen, Steuern oder Produkt-Sourcing in Kontakt. Das bedeutet aber nicht, dass dieses Vorgehen für jede:n Studierenden richtig ist, das kommt auf den Kontext, die Interessen und die Ziele an. Bei uns war das gemeinsame Arbeiten und der Spaß im Fokus. Also kein verkrampftes Erfüllen bestimmter kursierender Werte und Erwartungen, was nicht bedeutet, dass wir unabhängig von diesen agierten.
< ML > Könnt ihr kurz eure Gründungsstory beschreiben?
< MO > Nachdem wir mehrere Jahre in Agenturen oder als Freelancer gearbeitet hatten, ergab sich bei uns allen gleichzeitig der Drang, etwas eigenes zu starten. Einerseits um an das freundschaftliche und freie Arbeiten wieder anzuschließen und eigene Richtungen und Interessen verfolgen zu können. Andererseits um die in der Realität gemachten Erfahrungen umzulenken, eigene Strukturen und Werte für ein Studio und Kollektiv zu erstellen, in denen wir uns wohl fühlen können. 2019 haben wir rasch gemeinsam entschieden, ein Studio zu gründen.
< ML > Wie habt ihr eure ersten Kund:innen gewonnen?
< MO > Wir hatten anfangs zwar alle ein paar Freelance-Kontakte, aber eigentlich keine wirklichen großen Projekte oder Kund:innen, die uns einen sicheren Start gebracht hätten. Wir waren also auf viel „Kaltakquise“ angewiesen. Diese erste Phase der Suche nach Aufträgen hat sich mindestens ein halbes Jahr gezogen. Leider ist Zufall eine große Komponente. Gute Organisation und Kontinuität hat uns geholfen.
< ML > Wann, warum und wie habt ihr euch einen Büroraum gesucht?
< MO > Designer:innen können zwar auch im Kollektiv von Zuhause arbeiten, aber aus unserer Sicht sollte nicht unterschätzt werden, wie ein gemeinsamer Raum für soziale Interaktion und Identifikation einen Unterschied machen kann. Zuerst waren wir in einem günstigen Raum neben Marcels damaliger Wohnung, sind dann aber schnell in ein Gemeinschaftsbüro umgezogen, was für uns damals sehr gut gepasst hat. Es war nicht zu teuer, wir hatten einen gemeinsam genutzten Besprechungsraum für Kund:innen und die Infrastruktur von Küche, Kaffeemaschine usw. war alles vorhanden. Ab einem gewissen Punkt waren uns die Räumlichkeiten dort aber einerseits zu klein und andererseits wollten wir unser Umfeld selbst gestalten, sodass wir etwas Eigenes gesucht haben. Wir hatten Glück, nach langer Suche ein eigenes kleines Häuschen zu finden.
< ML > Wie war der Prozess Mitarbeiter:innen einzustellen?
< MO > Wir sind noch in diesem Prozess und nehmen das sehr ernst. Man geht ein gemeinsames Verantwortungsverhältnis ein und das muss gut bedacht sein. Für uns sind Fairness, Transparenz und flache Hierarchien wesentlich.
< ML > Wie organisiert man sich am besten in der Anfangsphase eines eigenen Studios?
< MO > Da wir von Anfang an vier Personen waren, mussten früh grundsätzliche gemeinsame Strukturen aufgebaut werden, um das gemeinsame Arbeiten zu koordinieren. Blindes und isoliertes nebeneinander Herarbeiten war für uns nie erstrebenswert und erscheint uns auch nicht nachhaltig. In der Anfangsphase muss man viel experimentieren. Das Wichtigste ist für uns, gemeinsame Organisation anzustreben und zu erproben. Dazu gehören Buchhaltungssoftwares, Projektmanagement-Tools und Ordnerstrukturen. Auch das Herstellen von Möglichkeiten, in denen das Studio reflektiert und kritisiert werden kann, oder in denen die Befindlichkeiten eruiert und erfragt werden können.
< ML > Wie habt ihr euch finanziert und wie lange hat es gedauert bis ihr davon leben konntet?
< MO > Wir haben erst einmal von Erspartem gelebt. Nach ungefähr einem Jahr konnten wir davon leben.
< ML > Welche Rolle spielt euer Netzwerk für die eigene Entwicklung und den Erfolg?
< MO > Das Netzwerk spielt eine große Rolle. Einerseits ist das schön, weil wir gemeinsam mit anderen langfristig, respektvoll und eng zusammenarbeiten können. Das ist für uns sehr wichtig. Andererseits ist das zum Teil schade, da sich neue Projekte und Kund:innen nur über Empfehlungen, Connections und Netzwerk-Arbeit ergeben, und nicht einfach aufgrund guter Designarbeit.
< ML > Wie habt ihr gelernt, eure Arbeit realistisch zu kalkulieren – zeitlich und finanziell?
< MO > Das ist ein kontinuierlicher Prozess und hat viel mit Erfahrungen zu tun. Wir haben von anderen gelernt und dann auch Unterschiedliches ausprobiert. Inflation, Kürzungen von Kulturbudgets oder auch andere gesellschaftliche Ereignisse und Faktoren bedeuten einen ständigen Wandel der Kalkulation. Wir nutzen ein Zeiterfassungsprogramm, um Übersicht zu haben und reflektieren zu können, wie wir in Zukunft kalkulieren.
< ML > Was war euer größter Rückschlag/Reality Check in eurer Karriere und wie seid ihr damit umgegangen?
< MO > Es gab verschiedene kleine Rückschläge, wie zum Beispiel ein Kunde, der nicht bezahlt hat und ein Anwalt, der sich dann um diesen Fall nicht so richtig gekümmert hat. Man lernt daraus, öfter Zwischenrechnungen zu stellen und eine Rechtschutzversicherung abzuschließen. Generell ist die kontinuierliche und etwas nagende Realität für uns aber vor allem, dass das Büro nie ein Selbstläufer ist und werden wird. Am Anfang ist die Euphorie groß und vieles wirkt aufregend, wichtig und so, als ob bald alles von alleine gehen wird. Man muss aushalten können, wenn sich Veränderungen später, kleiner oder langsamer anfühlen.
< ML > Was sind typische Fallstricke in den ersten Jahren, und wie kann man sie vermeiden?
< MO > Aus unserer Erfahrung ergaben sich bei uns keine großen Fallstricke, aber sehr viele kleine. Das hat mit Erfahrungswerten innerhalb von interner wie externer Kommunikation zu tun. Klare Strukturen, AGBs, Disclaimer, Aufteilungen usw. Was wir immer vermeiden wollten, war, dass wir wenige große Projekte/Kund:innen haben, auf denen wir uns ausruhen und von denen wir uns abhängig machen.
< ML > Habt ihr Tipps für faire Preisverhandlungen?
< MO > Faire Preisverhandlung hat leider viel damit zu tun, wie man wahrgenommen wird und in welcher Position man ist. Hier klare Ratschläge zu geben, könnte irreführend sein, und den Eindruck vermitteln, dass Asymmetrien einfach ausgeglichen werden könnten. Voraussetzung ist immer, dass ein Gegenüber da ist, der einem zuhört und einen respektiert. Aus Erfahrung wird einem mehr zugehört, je etablierter man ist, was natürlich jungen neuen Büros die Hebel erschwert. Zu kleinen Verbesserungen können detaillierte Angebote führen.
< ML > Ihr habt ein interessantes Konzept aus eigenen Projekten, Kundenprojekten und Kollaborationen, wie kam es dazu und warum?
< MO > Wir schätzen die Arbeit mit Kund:innen und die damit verbundene Vermittlungsarbeit. Es wird leicht vergessen, wie wichtig es ist, gute Präsentationen zu erstellen und Argumente zu suchen, die dabei helfen können, gemeinsam unkonventionelle Wege einzugehen. Dennoch waren eigene Projekte für uns schon immer Teil unserer Arbeit und wir haben uns darüber kennengelernt. Es ist für uns wesentlich, zusätzlich freier und experimenteller zu arbeiten. Durch weniger Vorgaben können wir gemeinsam im Kollektiv Experimente ausprobieren, Spaß haben und praktisch wie theoretisch Neues lernen. Uns ist es dabei auch wichtig über unsere eigenen Projekte die Grenzen der Disziplin zu testen und mehr zu sein als ein klassisches Grafik-Büro.
< ML > Was würdet ihr jungen Designer:innen raten: zunächst Agentur, Freelancing oder direkt Selbstständigkeit und warum?
< MO > Auch hier wäre eine pauschale Antwort nicht ausreichend. Generell ist es wichtig, sich nie abzuschotten, offen zu sein, Erfahrungen zu machen und von und mit anderen zu lernen.
< ML > Welche Entwicklungen im Designbereich seht ihr aktuell als besonders relevant für junge Designer:innen?
< MO > Einerseits die kritische Betrachtung der Praxis und Realität von Designer:innen, die durch soziale, politische und ökologische Krisen sowie durch Spannungen von AI, Automation und Kulturkürzungen drängend werden. Andererseits ein neuer kritischer Blick auf die Geschichte, Disziplin und Definition von Design, der zu veränderten Fragen, Blickwinkeln und Experimenten führt.
< ML > Was motiviert euch heute noch genauso wie am Anfang eurer Karriere?
< MO > Humor und Ironie während unseres gemeinsamen Arbeitsalltags..