< Interview 007 >
< Name > Matteo Campostrini
< Jobposition > Graphic and Motion Designer
< Based in > Trento (Italy)
< Date > 11/11/2025
< LS > Für alle, die dich vielleicht noch nicht kennen: Kannst du uns kurz erzählen, wer du bist, woher du kommst und womit du heute dein Geld verdienst?
< MC > Okay. Also ich bin Matteo Campostrini, ich bin 35 Jahre alt, ich komme ursprünglich aus Trentino-Südtirol und ich bin freiberuflicher Grafikdesigner. Ich habe vorher an der Uni Bozen studiert, an der Fakultät für Design und Künste. Danach war ich zwei Jahre lang Mitarbeiter bei Studio Mut in Bozen. Das war der Punkt, an dem ich wirklich angefangen habe, als Designer zu arbeiten und nicht nur als Designstudent. Mein Praktikum war meine erste wirkliche Berufserfahrung.
< LS > Du hast ja nicht nur in Bozen studiert, sondern später noch einen zweiten Bachelor an der UdK in Berlin gemacht richtig? Wieso hast du dich dazu entschieden.
< MC > Ja das stimmt. Ich war relativ unzufrieden mit meinem Niveau und meinem Portfolio, beziehungsweise meinem nicht existierenden Portfolio nach der Uni Bozen. Ich habe die Uni geliebt, aber am Ende ist die Struktur dort so, dass man immer zwischen Produkt- und Grafikdesign wechselt. Im Endeffekt hatte ich zu wenig Grafikdesign gemacht und wollte mehr erfahren, mehr wissen.

2009 habe ich angefangen, mich für die Grafikdesign-Szene zu interessieren. Ich hatte immer eine starke Verbindung zu schweizer und deutschem Design: Raster, Typografie, Schwarz-Weiß, sehr geometrisch. Ich habe mich kulturell immer näher an Deutschland und der Schweiz gefühlt als an Renaissance, Venedig oder Florenz.

Ich bin dann erst einmal nach Berlin gezogen, um Deutsch zu lernen. Ich habe ein Praktikum in einer Kunstgalerie gemacht. Direkt neben der Galerie war aber das Studio von Erik Spiekermann. Jedes Mal, wenn ich an den Druckmaschinen vorbeigegangen bin, habe ich gedacht: Ich bin hier am falschen Ort. Ich will da drüben arbeiten.

Ich habe mich ohne große Erwartungen an der UdK Berlin beworben, für einen zweiten Bachelor, nicht für einen Master. Und die UdK hat mich angenommen. Fons Hickmann hat mich stark gefördert. Deshalb habe ich den gesamten Bachelor dort gemacht.

Die Struktur an der UdK ist komplett anders. Man spezialisiert sich sofort, zum Beispiel auf Plakat- oder Buchdesign, stark typografisch. Und man bleibt die ganze Zeit bei einem Professor. Wenn man sich wohl fühlt, kann man so lange bleiben, wie man möchte.

In meinem Fall war das jemand, der kein rein akademischer Professor war, sondern ein praktizierender Designer mit großem Studio, vielen Projekten, politisch und kulturell orientiert. Das war meine erste echte Prägung. Mein erster Mentor.
< LS > Du hast vor dem Abschluss dann noch ein Praktikum gemacht, oder?
< MC > Ja. Ich wollte unbedingt eine richtige Arbeitserfahrung machen, weil ich gemerkt habe, dass mir das fehlt. Ich habe mein Studium eingefroren, alle Leistungspunkte, und bin zurück nach Bozen gegangen.

2017 war ein Wendepunkt. Grafikdesign wurde zugänglicher: Software, Tutorials, YouTube, animierte Plakate, das war der Anfang von vielem. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass mir das Umfeld fehlt. Berlin ist groß, Bozen fühlt sich mehr nach Zuhause an.

Ich habe auf Instagram einen Post für ein Praktikum bei Studio Mut gesehen und mich ohne Erwartungen beworben. Was ich nicht wusste: Die Gründer von Studio Mut hatten denselben Mentor wie ich. Diese gemeinsame Prägung war die Verbindung.

Das Praktikum habe ich kurz vor meiner Bachelorarbeit gemacht. Formal wurde es mir als Studienleistung anerkannt. Danach bin ich zurück nach Italien gezogen und direkt fest angestellt worden. Das Praktikum dauerte drei Monate, danach war es ein richtiger Job.
< LS > Wenn man das so hört, wirkt dein Übergang vom Studium ins Berufsleben ziemlich direkt. Würdest du das selbst auch so beschreiben?
< MC > Ja, total. Ich habe relativ spät angefangen zu arbeiten, aber dann ging alles sehr schnell. Ich hatte auch Glück. Ich habe ein Haus, das meiner Familie gehört, und musste keine Miete zahlen. Das ist ein riesiger Vorteil. Bei Studio Mut war der Lohn immer fair. Die Verantwortung war groß. Ich hatte eigene Kunden, eigene Kontakte, viel Eigenständigkeit, aber immer mit Supervision. Als ich mich dann selbstständig gemacht habe, habe ich kaum einen Unterschied gespürt. Die Arbeitsweise war dieselbe.
< LS > Warum hast du Studio Mut verlassen und dich selbstständig gemacht?
< MC > Das war kurz vor Covid. Ich wollte eigentlich einen Master machen und war an drei Universitäten angenommen. Dann kam die Pandemie. In Italien war der Lockdown extrem hart. Ich hatte Angst, mein Erspartes für ein Studium auszugeben, das nur online stattfindet. Ich wusste, dass das für mich nicht funktioniert. Lernen heißt für mich, in einer Stadt zu leben, vor Ort zu sein.
Dann bin ich 30 geworden, habe gut gearbeitet, hatte Projekte und habe den Master nie mehr angefangen. Das fehlt mir heute manchmal, zum Beispiel bei Bewerbungen an Unis. Ohne Master bekommst du oft weniger Punkte.
< LS > Wie bist du in dieser Anfangszeit an deine Kund:innen gekommen? Waren das vor allem Kontakte aus dem Studio oder hast du dir parallel schon ein eigenes Netzwerk aufgebaut?
< MC > Ganz transparent: 50–50. 50 Prozent, weil ich bei Studio Mut gearbeitet habe. Damals war Studio Mut noch klein. Ich war einer der ersten Mitarbeiter. Das war auch die Zeit, in der Instagram sehr gut funktioniert hat. Ich habe immer das Studio getaggt, und genauso hat das Studio mich getaggt. Ich war eine Zeit lang auf Instagram sehr sichtbar. Viele haben meine Projekte gesehen. Heute funktioniert das nicht mehr. Der Algorithmus ist kaputt. Aber damals war Instagram eine perfekte Plattform. Ich habe jedes Projekt sauber dokumentiert, Bücher fotografiert, gute Fotos gemacht. Die Dokumentation war immer die beste Werbung für den nächsten Kunden. Jedes Projekt, auch wenn es schlecht bezahlt war, habe ich so gut wie möglich gemacht. Das war meine Visitenkarte. Also 70 Prozent Erfahrung von Studio Mut und 50 Prozent Eigenvermarktung. Dokumentieren, publizieren, sichtbar sein.
< LS > Gibt es auch Projekte, die du nur fürs Geld gemacht hast?
< MC > Ethik ist mir wichtig. Ich habe nie bewusst schlechte Projekte nur fürs Geld gemacht. Manchmal ruinieren Kunden oder Art Directors Projekte. Das passiert. Aber ich habe immer versucht, das Beste rauszuholen. Die besten Projekte entstehen, wenn Kunden volles Vertrauen haben. Diese Kunden kümmern sich nicht um Fonts oder Layouts. Farbe ist oft das Einzige, wo sie eingreifen.
< LS > Du hast nie in klassischen Werbeagenturen gearbeitet, oder?
< MC > Nein. Ich habe aber in Werbeagenturen unterrichtet. Ich wurde eingeladen, um die Qualität der Mitarbeiter zu verbessern. Meine erste Lehrerfahrung war nicht an der Uni, sondern privat in Agenturen. Sie haben gesagt: Wir sind kreativ, aber wir brauchen Typografie, Raster, Regeln. Ich bin hingefahren, habe Workshops gemacht, PDFs erstellt, Ordner gebaut. Ich glaube, erklären kann ich gut. Und ich glaube, das ist eine wichtige Fähigkeit.
< LS > Du hast ja auch an der Uni gearbeitet, richtig?
< MC > Ja. Also ich habe dort ein ganzes Jahr gearbeitet, zwei Semester lang, als Assistent. Dann habe ich wegen Bürokratie meine Position verloren, weil sich für dieselbe Position eine Person mit PhD beworben hat. Und alle Universitäten nehmen automatisch diese Person an. Mit der Uni ist es immer so.

Lehren wäre mein Traumberuf, aber nur zu lehren, ohne Arbeitserfahrung, das merkt man sofort. Diese Leute können keine Probleme lösen, sie werden schnell frustriert. Viele Professoren, die nie gearbeitet haben, haben wenig Geduld. Beim Arbeiten lernt man Geduld, lernt nicht emotional zu werden.
Wenn ich an meine Professoren denke: Wie viele davon hatten wirklich Berufserfahrung? Wie oft hattest du das Gefühl, dass du nichts lernst? Technische Dinge lernt man beim Arbeiten. Und das ist das Problem.
< LS > Wie hat sich das denn konkret ergeben, dass du plötzlich unterrichtet hast? War das geplant oder eher Zufall?
< MC > Ich wurde zuerst als freiberufliche Designerin engagiert, um die Grafik der Programme zu machen. Ich kann also nicht aus der Perspektive eines klassischen Bewerbungsprozesses sprechen. Gianluca Camillini, der Projektleiter, hat nach sechs Monaten zu mir gesagt: „Du bist immer verfügbar, du schreibst gute E-Mails, du bist schnell, du verstehst die Fragen der Kunden.“ Da kam die Idee: Du wärst ein guter Lehrer. Ich war unsicher. Ich wohne eine Stunde von der Uni entfernt, habe Kunden, wenig Zeit. Am Ende habe ich mich beworben. Es gab ein reguläres Verfahren, aber ich war der einzige Bewerber. Also habe ich die Stelle bekommen. Aber es gab sofort Widerstand. Ich habe keinen Master, kein PhD. Auch mein Auftreten, meine Sprache, mein Aussehen galten als nicht professionell genug. Aber wenn du in deiner Arbeit gut bist, hast du den Luxus, so zu sein, wie du bist. Leute ohne Arbeitserfahrung kümmern sich um Oberflächen.
< LS > Wenn du das mit heute vergleichst: Würdest du sagen, dass sich das Designstudium oder die Situation für junge Designer:innen stark verändert hat?
< MC > Ja, total. Also wenn ich mir anschaue, was meine Freunde machen oder was ich von Designstudierenden heute mitbekomme, dann müssen viele einfach in Agenturen gehen, weil sie nichts in einem guten Studio finden. Teilweise sind Agenturen nicht schlecht bezahlt, und dann geht man halt dorthin, um Geld zu verdienen. Aber Qualität ist immer entscheidend. Wenn du gut bist, wenn du gut zeichnen kannst, wenn du gut designen kannst und ein gutes Portfolio hast, dann nehmen dich gute Studios. Gute Leute finden immer Platz.

Jedes Mal, wenn ein Studio eine Jobposition anbietet, bekommen sie 200 bis 300 Portfolio-PDFs. Davon sind vielleicht 10 Prozent wirklich gut. Das ist ein Problem der Universitäten. Entweder lehren sie schlecht oder 90 Prozent der Unis sind einfach nicht gut genug.
< LS > Was macht für dich ein gutes Portfolio aus?
< MC > Ist das PDF lesbar? Gibt es einen Anfang, ein Ende? Versteht man, wo ein Projekt anfängt und wo das nächste beginnt? Storytelling ist extrem wichtig. Die Fähigkeit, sich selbst zu erzählen, ohne persönlich da zu sein.
Und daran scheitern 90 Prozent der Portfolios. Design ist kein künstlerischer Selbstzweck. Es muss funktionieren. Und im Portfolio zählt zuerst die Struktur, dann die Projekte.
< LS >Das heißt, du siehst Design eher als Handwerk?
< MC > Ja, absolut. Also Design ist für mich erst mal ein Job. Es ist eine technische Kunst. So wie ein Schreiner mit Holz arbeitet, arbeite ich mit Layout, Typografie und Software. Viele akademische Leute fühlen sich wohler mit Menschen, die respektabel aussehen, respektabel sprechen und theoretisch argumentieren. Aber ich bin kein Theoretiker. In Bewerbungsgesprächen kamen dann Fragen wie: „Was ist die Rolle von Design in der Zukunft?“ Ich bin keine Philosoph. Ich gestalte Bücher. In Urbino sind viele Journalisten, die schreiben viel. Bei uns im Design schreiben wir kaum. Der erste Text ist meistens die Bachelorarbeit. Deshalb sind Bachelorarbeiten oft sprachlich schwach. Das finde ich aber okay. Ich finde es problematisch, wenn Studierende über Themen schreiben, für die sie keine Expertise haben. Ich lasse Experten schreiben und gestalte die Inhalte. Das ist mein Job. Akademiker finden das oberflächlich, aber ich finde das ehrlich.
< LS > Dann lass uns über deinen aktuellen Alltag sprechen. Wie sieht dein Leben heute aus?
< MC > Ich arbeite von zu Hause und bin sehr zufrieden damit. Ich hatte zwei Jahre lang ein kleines Studio in Trient, in der Altstadt. Aber es war teuer, hatte keine Toilette und keinen Parkplatz. Studio Mut braucht große Räume, Küche, Parkplätze. Ich arbeite alleine, ich brauche das nicht. Was ich als Mensch brauche, ist Natur. Bäume, Steine, Wasser, Wald. Meine Arbeit sieht technologisch und rational aus, aber ich bin ein totaler Bergmensch. Das ist ein Widerspruch, aber es funktioniert für mich.

Ich habe zu Hause einen extra Raum nur zum Arbeiten. Nicht im Wohnzimmer, nicht im Schlafzimmer. Ich habe einen großen Schreibtisch, zwei Monitore, gutes Internet. Mehr brauche ich nicht. Und einen Hund. Der Hund gibt meinem Tag Struktur. Ich arbeite am liebsten morgens. Nachmittags halte ich mir frei, wenn möglich. Ich glaube nicht, dass gute Designer zwölf Stunden im Studio sitzen müssen. Ich arbeite lieber früh. Wenn die Sonne scheint, gehe ich raus. In heißen Phasen, kurz vor dem Druck, bin ich immer erreichbar. Ich würde nie wandern gehen, wenn ein Buch kurz vor dem Druck ist. Abends unterrichte ich. Morgens Kunden, abends Studierende.
< LS > Du gibst ja auch regelmäßig Kurse. Wie bist du dazu gekommen?
< MC > Bei mir in der Nähe gibt es das Kulturzentrum Foresta ein großes EU-Projekt aus Brüssel. Das ehemalige Bahnhofsgebäude wurde renoviert und vollständig in ein offenes Kulturzentrum umgewandelt. Es bietet Infrastruktur wie Küche, Arbeitsräume, Drucker, Risograph und Beamer und steht allen offen, die etwas anbieten möchten. Gegründet wurde Voresta von zwei Designern, ehemaligen Uni-Bozen-Mitarbeitern und Gründern des einzigen Designstudios in Rovereto, mit starkem sozialem und politischem Fokus. Ich habe mich einfach angeboten und gesagt, dass ich einen Grafikdesign- oder Motion-Design-Kurs anbieten kann. Es gab einen freien Raum am Mittwochabend, und ich habe angefangen. Die beiden Gründer sind auch Deutsche. Ich habe mich immer wohl mit der deutschen Sprache gefühlt, und das hat auch gepasst.
< LS > Also hast du dir mit Cavalry eine kleine Nische aufgebaut?
< MC > Ja, genau. Ich erwarte, dass es in den nächsten Jahren mehr Tutorials geben wird. Aber im Moment gibt es keine große Cavalry-Tutorial-Szene. Das ist meine kleine Nische, mein kleines Business. Viele kommen extra aus Venedig, aus Padua, aus Städten, die zwei Stunden entfernt sind. Mich überrascht das jedes Mal.
< LS > Und wenn du nicht unterrichtest, woran arbeitest im Moment sonst noch?
< MC > Im Moment geht es bei mir fast nur ums Lehren. Mein großes Projekt ist Cavalry. Dieser Animationskurs, diese Abendschule. Cavalry ist eine neue Software, eine sehr gute Alternative zu After Effects. Sie ist kostenlos bis zu einem gewissen Punkt. Ich glaube wirklich, dass Cavalry in Zukunft After Effects teilweise ersetzen kann. Es gibt sehr viele Tutorials, aber wenig systematische Lehre. Ich habe angefangen, die Software selbst zu lernen, damit zu spielen, und gemerkt, dass ich intuitiv verstehe, wie sie aufgebaut ist. Ich bin wahrscheinlich eine der wenigen Personen in Europa, die Cavalry wirklich systematisch unterrichten. Es gibt viele Motion Designer, die extrem komplexe und schöne Dinge damit machen, aber kaum jemand erklärt es strukturiert. Ich habe einen Kurs aufgebaut mit Basics: Geometrie, Farbe, Text, kleine Übungen. Und jetzt werde ich von vielen anderen Schulen angefragt, denselben Kurs zu unterrichten.
< LS > Früher hast du viel Buchgestaltung gemacht. Ist das heute eher in den Hintergrund gerückt?
< MC > Die letzten Bücher, die ich gemacht habe, waren für ein Geschichtsmuseum in Trient. Und das war ein sehr schönes Projekt. Es ging um 20 Jahre Gemeinde Trient. Also wirklich um die Stadt. Das Buch ist fotografisch, aber auch sehr politisch. Es ist eine Sammlung von Fotografien aus dem Archiv des Museums und erzählt, wie sich Trient durch Architektur und Stadtplanung verändert hat. Es ist ein Projekt, das viel mit Nostalgie zu tun hat. Es ging auch um eine Ausstellung. Das sind die Projekte, die mir gefallen, weil sie nicht nur für Grafikdesigner sind, sondern für alle. Von Großeltern bis Kindern. Wenn du Design für alle machst, musst du als Designer weniger Künstler sein und mehr Vermittler. Du musst Dinge machen, die alle verstehen können. Es kann experimentell sein, aber am Ende müssen auch deine Großeltern es lesen können. Das ist ein sehr gutes Training für Designer.
< LS > Und wie bist du an dieses Projekt gekommen? Sind sie auf dich zugekommen?
< MC > Ja. 2020 habe ich einen Sportverein gegründet, eine NGO. Das war ehrenamtliche Arbeit. Wir haben Sportprojekte für die Stadt Trient organisiert: Kletterkurse, Skateboardkurse, BMX-Kurse. Ich habe die gesamte visuelle Identität gemacht. Plakate, Flyer, Instagram-Animationen. Alle Projekte wurden von der Gemeinde finanziell unterstützt. Das waren politische Jugendprojekte, von jungen Leuten für junge Leute. So kam mein Kontakt zur Gemeinde. Die Gemeinde hat gemerkt: Wenn das Design gut ist, funktioniert es. Die Leute tragen die T-Shirts, erkennen die Projekte wieder. Die Museen in Trient sind alle von der Provinz oder der Gemeinde finanziert. Wenn du einmal in diesem politischen System drin bist, ergeben sich weitere Projekte. Das war die Verbindung, durch die Leute auf mich aufmerksam geworden sind.
< LS > Wie viel verdient man an so einem Buchprojekt? Und wie kalkuliert man das?
< MC > Geld einzuschätzen ist eine Kunst für sich. Es gibt einen großen Unterschied zwischen privaten Kunden und öffentlichen Auftraggebern. Private Kunden zahlen aus ihrer eigenen Tasche. Öffentliche Auftraggeber arbeiten mit Budgets, mit Bilanzen. Wenn du gut verdienen willst, ist der öffentliche Bereich oft stabiler.

Ich habe bei Studio Mut gelernt: Bücher und Websites sind wie ein Auto kaufen. Du willst etwas, das funktioniert. Diese Zuverlässigkeit kostet Geld. Nicht das Design selbst, sondern die Betreuung, die Erreichbarkeit, die Erfahrung.

Ich sage immer: Unter 2.000 Euro mache ich kein Projekt. Ein Buch dauert mindestens zwei Monate. Texte, Bilder, Bildbearbeitung, Druckvorbereitung, Korrekturen. Die Korrekturphase ist extrem aufwendig. Am Ende kostet ein Buch zwischen 4.000 und 6.000 Euro. Davon bleiben netto vielleicht 3.000 Euro. Für zwei Monate Arbeit ist das okay. Am Anfang hat man Angst, große Zahlen zu sagen. Aber wenn man ehrlich rechnet, merkt man, dass es gerechtfertigt ist. Ich begleite meine Kunden bis zum Druckprozess. Ich fahre zur Druckerei, kontrolliere Farben, Material, Papier.
< LS > Gab es auf deinem Weg trotzdem Momente, in denen du gezweifelt hast oder dachtest: Vielleicht funktioniert das alles doch nicht?
< MC > Nein. Ich kann nur das machen. Ich könnte nie etwas anderes machen. Ich war schon immer so. Ich habe immer gewusst, was mir gefällt. Ich habe nie gezweifelt, vielleicht doch etwas anderes zu studieren. Ich wusste schon als Kind, dass ich visuell bin. Ich erinnere mich an die Schriften in meinen Comics und Büchern, obwohl ich die Namen damals nicht kannte. Ich konnte dieselbe Schrift in einem anderen Buch wieder erkennen.

In meiner Familie sind alle Wissenschaftler. Kunst hatte dort keinen Platz. Mein Vater ist Universitätsprofessor. Die Entscheidung für Design war fast rebellisch.
Inhaltlich hat niemand verstanden, was ich mache. Aber ich bin wissenschaftlich in meiner Arbeitsweise. Regeln, Proportionen, Systeme. Cavalry ist sehr mathematisch, deshalb fühle ich mich dort wohl.

Bei Familienfeiern merke ich den Unterschied extrem. Meine Verwandten verstehen komplexe Themen der Welt, aber erkennen keine problematische Bildsprache, keinen Sexismus, keinen Rassismus in Werbung. Designer sehen solche Dinge sofort. Das ist unsere Rolle.
< LS > Also wusstest du schon immer, dass du Designerin werden willst?
< MC > Das Wort „Design“ habe ich erst im letzten Jahr der Schule gehört. Bis dahin hatte ich nur die Vorbilder meiner Eltern vor Augen: Ingenieur, Wissenschaftler. Ich war nie gut in Mathe, obwohl meine Eltern viel in Nachhilfe investiert haben. Mich haben Comics interessiert, Filme, Skateboarding, Logos, Grafiken auf Albumcovern und Plakate. Ein Kunstlehrer hat mir gesagt: „Du musst nach Bozen gehen, Design studieren.“ Ich wusste nicht einmal, was Design ist. Ohne diese Person wäre ich wahrscheinlich nie nach Bozen gegangen.
< LS > Wenn du heute nach vorne blickst: Machen dir Themen wie KI oder der Wandel des Berufs Angst?
< MC > Das ist die Natur dieses Jobs. Design ist nicht wie Kunstgeschichte, die rückblickend funktioniert. Design muss immer neu sein. Wenn ich fünf Jahre stehen bleibe, bin ich sofort ein Dinosaurier. Ich muss neue Software lernen, neue Tools.

Vor KI habe ich keine Angst. Vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube nicht, dass KI Kreativität ersetzen kann. KI kann langweilige technische Arbeit ersetzen, zum Beispiel Freistellen in Photoshop. Das ist super. Wenn etwas mit einem Klick geht, dann gerne. Aber Texte, Songtexte, Inhalte generieren, das finde ich schlimm. Da gehen Gefühle verloren. KI sucht Quellen, analysiert sie und gibt schnelle Ergebnisse aus. Aber die Quelle ist immer menschlich. Wir Kreativen sind relativ sicher. Natürlich können Kunden einfache Dinge selbst machen. Design ist dieser graue Bereich zwischen Kunst und Wissenschaft. KI kann Wissenschaft ersetzen, aber nicht Kunst. Entweder akzeptieren wir Maschinenkunst oder nicht. Aber sie basiert immer auf menschlicher Arbeit.
Ich vergleiche das mit der Fotografie. Als Fotografie kam, hatten Maler Angst. Heute ist Fotografie ein eigenes Medium. Vielleicht passiert das Gleiche mit KI. Was mir wirklich Angst macht, ist nicht Design, sondern Politik. KI in den Händen von Menschen wie Trump oder Putin. Früher waren Fotos Beweise. Heute kann alles manipuliert werden. Man weiß nicht mehr, was echt ist. Das ist gefährlich.
< LS > Gab es trotzdem Momente, so einen Reality-Check, wo du gemerkt hast: Das habe ich mir anders vorgestellt?
< MC > Ja, total. Nach der Uni Bozen hatte ich eine massive Krise. Ich wusste, was ich machen wollte, aber ich konnte es nicht. Meine Arbeiten waren zu schlecht. Ich hätte nie in einem guten Designbüro arbeiten können. Ich hatte am Ende des Studiums dieselben Fragen wie am Anfang. Das hat mir das Gefühl gegeben, vier Jahre verschwendet zu haben. Meine Bachelorarbeit war sehr schlecht bewertet. Ich habe die schlechteste Note bekommen. Das hat mich komplett in Panik versetzt. Ich dachte, ich sei gut, aber die Note hat mir etwas anderes gezeigt. Ich habe dann versucht, Kunstgeschichte zu studieren.
Ein Semester. Das ging gar nicht. PowerPoint-Präsentationen von alten Professoren – ich konnte das nicht. Ich habe meine Sachen gepackt und bin nach Berlin gezogen. Erst mal Deutsch lernen. Dieses Jahr war sehr schwierig.
Aber ich habe alle wichtigen Bücher zur Typografie gelesen. Ich dachte, ich muss besser werden. Irgendwann habe ich gemerkt: Theorie allein reicht nicht.
Design passiert am Computer. Heute ist das der Grund, warum ich praxisnah unterrichte. Damit Studierenden das nicht passiert, was mir passiert ist.
< LS > Wenn du jetzt an junge Designer:innen denkst, die gerade ihre Bachelorarbeit schreiben oder frisch fertig sind, was würdest du ihnen mitgeben?
< MC > Reisen. Rausgehen aus dem sicheren Umfeld. Berlin war ein großer Schock für mich. Und genau das hat mich verändert. Sprache lernen. Deutsch ist extrem wichtig. In Design ist Deutsch die Arbeitssprache. Das öffnet Türen nach Deutschland, Österreich, Schweiz. Praktika machen. Und ganz wichtig: Nicht nach dem Namen der Uni gehen. Sondern nach den Menschen. Schaut euch die Professoren an. Haben sie Studios? Arbeiten sie wirklich? Viele Unis haben schöne Websites mit viel Blabla. Aber entscheidend sind die Personen. Ich bin wegen einer Person nach Berlin gegangen, nicht wegen der UdK. Man braucht Vorbilder. Nicht Logos.
< LS > Also eher Menschen suchen als Institutionen?
< MC > Ja. Genau. Universitäten sind Container. Menschen sind entscheidend.
< Interview 007 >
< Name > Matteo Campostrini
< Jobposition > Graphic and Motion Designer
< Based in > Trento (Italy)
< Date > 11/11/2025