< Interview 009 >
< Name > Andrea Ihl
< Jobposition > Freelancer Illutration and Founder
< Based in > Düsseldorf
< Date > 22/11/2025
< NW > Stell dich kurz vor und beschreibe kurz, was genau deineTätigkeit ist.
< AI > Ich bin Andrea, Ende zwanzig und halb Studentin, halb Künstlerin, halb freiberufliche Designerin und Illustratorin, die viel professioneller rüberkommt, als sie eigentlich ist. Mein Schwerpunkt liegt bei Print- und Editorial-Illustration/Design.
< NW > Wie hast du deine Karriere begonnen? Wie hat es sich ergeben, dass du nun die Artdirection für das „Neue Narrative“ Magazin machst?
< AI > Einen genauen Start einer Karriere gab es für mich nicht. Während des Studiums, insbesondere während der Pandemie, verbrachte ich meinte Zeit damit jedem unbezahltem Open Call hinterher zu rennen, um meine Arbeit irgendwie einer Öffentlichkeit zeigen zu können. Mit der Zeit wurden die Anfragen und Aufträge größer, blieben aber dennoch sporadisch. Der ganze Prozess hat bestimmt fünf Jahre gedauert. Und selbst wenn ein größerer Auftrag im vierstelligen Bereich herein trudelte, blieb das oft der einzige bezahlte Auftrag im Jahr für mich. Den Job bei der Neuen Narrative bekam ich nach dem selben Prinzip: Post über eine offene Stelle gesehen — direkt beworben! Sich auf alles zu bewerben frisst aber auch natürlich viel Zeit. Deshalb sollte man mit seinen Kräften haushalten, darüber nachdenken, was funktioniert und gut ankommt, was einen wirklich weiter bringt. Mit der Zeit lernt man zu selektieren. Unbezahlte Anfragen nehme ich grundsätzlich nicht mehr an — außer das Projekt ist mir persönlich sehr wichtig.
< NW > Viele Studierende fühlen sich während des Studiums oder auch danach verloren und nicht ausreichend vorbereitet auf „die Welt da draußen“. Wie war es für dich nach dem Studium? Was würdest du Designstudierenden für Tipps geben, damit dieser Übergang in die Berufswelt gelingt?
< AI > Ich bin erst in ein paar Wochen wirklich aus meinem Masterstudium raus. Und ehrlich gesagt: hätte ich nicht das enorme Glück mit der Neuen Narrative einen tollen, regelmäßigen Auftraggeber zu bekommen, wäre ich genau so ratlos gewesen. Besonders, weil ich keinen finanziellen Rückhalt habe und nicht einfach so in eine Selbstständigkeit starten könnte. Was ich als wirklich wichtig empfinde ist sich so früh wie möglich im Studium damit zu beschäftigen, was für Möglichkeiten da draußen sind, was man machen möchte und was man auf gar keinen Fall will. Viele stolpern mit einem halbfertigen Portfolio aus dem Studium, wenn man eigentlich schon vor dem Abschluss eine gewisse Professionalität aufbauen sollte.
< NW > Wie legst du die Preise für deine Arbeiten fest? Woher weißt du was wie viel Geld du bekommen solltest?
< AI > Oft kann man sich keine festen Stundensätze leisten, da man das annimmt, was man kriegen kann. In erster Linie zählt das Budget der Kund:innen und deren Bereitschaft zu verhandeln. Eine pauschale Antwort kann ich nicht geben, weil es von zu vielen Faktoren abhängt: Wie wichtig ist mir die Zusammenarbeit? Ist es ein Privatkunde, eine Hilfsorganisation oder ein gewerbliches Unternehmen? Wie viel Kapazitäten haben ich gerade? Wie dringend brauche ich das Geld? Und: wie schnell arbeite ich? Jede:r muss ihren:seinen Arbeitsaufwand individuell einschätzen lernen.
Beispiele sind: für ein internationales Illu-Magazin, das ich sehr schätze, mir sehr viel Freiheit gibt und eine große Reichweite hat mache ich gerne mal etwas für 200€. Für eine Software-Firma mit viel Budget und einigen Korrekturschleifen gehe ich für ein großes Projekt nicht unter 3.000€.
< NW > Kannst du von Design/Illustration allein leben?
< AI > Bis jetzt habe ich von meinem Stipendium gelebt und mir mit Design/Illustration eher etwas dazu verdient. Runter gerechnet sind es ca. 500€ im Monat gewesen. Ab meinem Abschluss kann ich dank der Neuen Narrative von Design und Illustration leben, wenn ich nicht im größten Luxus.
< NW >Was war ein „Reality Check“ – Moment/ Rückschlag in deiner Karriere?
< AI > Mein erstes großes Praktikum, definitiv. Ich habe bei einem bekannten Berliner Design Studio gearbeitet und mich selten so gedemütigt gefühlt. Alle Klischees wurden dort erfüllt: ich sollte Kaffee kochen und Aschenbecher reinigen, ohne selbst jemals einen Kaffee getrunken oder eine Zigarette geraucht zu haben. Ich wurde oft nicht beachtet, man verlangte unbezahlte Überstunden von mir. Ich musste mir Geld leihen, um das Praktikum überhaupt finanzieren zu können. Das Verhalten gegenüber jungen Frauen war sehr fragwürdig. Ich zählte wortwörtlich die Tage, bis das Praktikum vorbei war, während Menschen mich dafür lobten, dass ich es dorthin geschafft hatte. Seitdem hatte ich einige frustrierende Momente, aber nichts kam an meine Zeit in Berlin heran.
< NW > Wie schaffst du es motiviert und inspiriert zu bleiben?
< AI > Die ehrliche Antwort ist: manchmal habe ich keine andere Wahl. Mir tun Phasen, in denen ich mich nicht zur Kreativität zwinge, sehr gut. Dann gehe ich ins Kino, ins Museum, ins Theater, verreiste und führe viele Gespräche. Dann versuche ich mich und meine Fantasie „aufzuladen“. Vor jedem neuen Projekt lese ich sehr viel. Mir ist es wichtig Medien zu konsumieren, die außerhalb dessen liegen, was ich tue, d.h. Film, Fotografie, Text.
Ich hatte mal einen (etwas unangenehmen) Professor während meiner Bachelor-Zeit, der immer meinte, die erstbeste Idee ist immer die schlechteste. Mal abgesehen davon, ob dies stimmt: manchmal hat man wegen mangelnder Zeit und Energie keine andere Wahl, als die erstbeste Idee zu nehmen und sie so gut wie möglich umzusetzen.
< NW > Vergleichst du dich mit anderen Designer:innen? Wie beeinflusst das dich und deine Arbeit?
< AI > Ständig. In schlechten Phasen fast täglich. Einerseits habe ich schon immer in den Arbeiten anderer Inspiration gefunden — im besten Fall denkt man sich: das ist so cool, das will ich auch ausprobieren! Andererseits versuche ich kaum auf Social Media zu sein, da der Vergleich mit anderen, die nur das Beste ihrer Arbeit posten, mich oft deprimiert. Es tut gut mit Leuten, die man über Instagram kennenlernt, in den persönlichen Austausch zu kommen. Dann merkt man, dass die*der Andere meistens die selben Probleme hat wie man selbst.
< NW > Wie würdest du deinen Design-Stil beschreiben und wie hast du ihn gefunden?
< AI > Meinen Stil kann ich nicht beschreiben, da er einfach... ist! Manchmal finde ich ihn gut, sehr oft nicht genügend, aber es ist schwer sich von dem loszureißen, was man ist und wie man arbeitet. Die Frage des Stils kommt oft auf und ist nie einfach zu beantwortet, denn es gibt keine schnelle Lösung dafür. Es braucht Jahre, um Gewohnheiten zu entwickeln, herauszufinden, was einem liegt und gut tut, wie man die Welt betrachtet. Ich kann nur die selbe Antwort wie alle anderen geben: einfach machen.
< NW > Wie gehst du mit Kritik und Ablehnung deiner Arbeiten um, insbesondere wenn sie sehr persönliche und/oder emotionale Themen behandeln?
< AI > Ich kann mit Kritik gar nicht umgehen. Das ist auch für mich sehr anstrengend und kräftezehrend. Das Gute ist, dass ich meistens aus Trotz umso mehr und fleißiger arbeite.
Ich finde es wichtig zu selektieren welche Kritik man annimmt. Wenn ich die Leute sehr schätze, kennen sie mich auch meistens gut genug, um wertvolle Kritik zu geben. Mir wurde auch schon ein paar mal gesagt, dass ich ernste Themen mit Illustration nicht bearbeiten kann. In diesen Momenten haben ich gelernt, dass es einfach grundsätzliche Meinungen gibt, denen ich widerspreche. Diese Kritik ist für mich dann meist nicht viel wert.
Was Professor:innen angeht: diese sind auch nur Menschen mit ihren Eigenarten und Vorlieben. Hört zu, denkt darüber nach und seid bereit Fehler zu akzeptieren und gleichzeitig für euch einzustehen, wenn euch eine Sache wichtig ist.
< NW > Wie findest du Kund:innen/Arbeitgeber:innen? Welche Rolle spielen dabei Kontakte und Beziehungen? Wie war es insbesondere am Anfang, als du dich noch nicht „etabliert“ hattest?
< AI > Gute Frage! Keine Ahnung! Ich bin immer wieder überrascht darüber, wenn Anfragen von selbst bei mir eintrudeln. Ich denke, das meiste kommt über Soziale Medien, bzw. Instagram. Ich frage mich bis heute, wie die Washington Post auf mich gestoßen ist. Ansonsten, wie bereits erwähnt: immer Ausschau halten nach Open Calls. Ansonsten kann man auch nach Artdirectorn schauen und sie persönlich anschreiben, sich vorstellen, etc. Die Erfolgsquote dafür war bei mir persönlich jedoch relativ gering — aaaber ich bin auch wirklich sehr scheu und mache es überhaupt nicht gerne.
< NW > Wie schaffst du es deinem Stil treu zu bleiben und damit Kund:innen zufrieden zu stellen? Hast du auch Arbeiten gemacht, für die du deinen Stil „verraten“ musstest?
< AI > Ein Bild kann ich nicht einfügen, weil ich keinen Ärger kriegen möchte. Aber: eine relativ bekannte Musikerin hat mich in ihren Anfängen nach unterbezahlten Covern für ihre EP gefragt. Mir wurde der Auftrag als sehr offen verkauft, jedoch fand ich die Zusammenarbeit etwas unangenehm. Irgendwann bekam ich Anrufe an Sonntagabenden, in denen mir gesagt wurde, dass die Tante ja gesagt hätte, die Person auf dem Cover sollte grüne statt blaue Augen haben. Ich glaube, ich hätte etwas richtig Tolles daraus machen können, vor allem weil Albumcover zu illustrieren einer meiner Traumjobs wäre. Im Nachhinein war ich sehr enttäuscht, da die Kundin etwas sehr, in meinen Augen, Kitschiges wollte. Ihr Label hat seitdem witzigerweise einen kompletten Image-Wechsel für sie durchgeführt, der viel mehr zu meinem jetzigen Stil passen würde.
< NW > Was für Eigenschaften sollte man als Designer:in haben, um als Freelancer:in gut arbeiten zu können? Denkst du, dass du all diese Eigenschaften besitzt?
< AI > Das hängt von der Definition von „gut“ ab. Wie misst man sowas? Wenn man nach Geldsummen geht, dann sollte man wenig Schamgefühl haben, viel Ambitionen, konstant auf Kontaktsuche sein und Menschen mit der Intention kennenlernen, dass sie potenziell zu Aufträgen führen. Als sehr introvertierte und unsichere Person bin ich leider überhaupt nicht so. Ich bin fleißig, gut organisiert und schnell in meiner Arbeit. Ich wurde für meine Sorgfältigkeit und die Qualität meiner Arbeit gelobt. Ich hoffe, dass ich daran festhalten kann und das allein ausreicht.
< NW > Insbesondere der Bereich Illustration wird immer mehr von KI bedroht, wie gehst du, als Person, die dort ihren Schwerpunkt hat, mit dieser Aussicht um?
< AI > Ehrlich gesagt, bis jetzt noch nicht. Das liegt aber auch daran, dass ich erst am Anfang stehe und eher in einer Bubble stecke, die sich als künstlerisch, links und kritisch versteht.
< NW > Was würdest du deinem jüngeren Designer-Ich gerne sagen?
< AI > Dass ich mehr drauf hab’, als ich je erwartet habe.